6. 4. 2008 in Mingjian

Welken Sonne

6. 4. 2008 13.40

Bevor wir ankamen, waren bereits eine Ladung von 12 Uhr Pflueckgut auf dem Boden verteilt. Ueber das Pflueckgut wurde bedeckt, um die starke Sonne zu harmonisieren. Damit das Blatt langsam die Feuchtigkeit verliert. Mein Lehrer zeigt mir, wie die Blaetter aussahen: eine Partei nach 40 Minuten Welken und eine andere, die gerade anfing.

Ruhen

14.50 Innen Welken und Ruhen

Die zweite Ladung wurde in die Innenraeume getragen und auf dem Boden ausgelegt. Um Plaetz zu sparen, wurde das Pflueckgut auf dem Korb umverteilt. Die Pflueckgut verlieren weiter die Feuchtigkeit im Blatt auf eine sanfte Art. Den Zeitpunkt zu entscheiden, wann man diesen Prozess stoppt, haengt mit dem dortigen Wetter zusammen. Die Haende spueren und die Nase riecht, wie weit die Blaetter sind. 

Ruhen MLEine harte Arbeit!

15.30 Xiaolan – das kleinen Schuetteln

Xiaolang

Im klimatisierten Raum – Teeproduktion ist inzwischen ein kapitalintensives Faktor geworden. In gekuehltem Raum koennen die Teeblaetter langsam die Feuchtigkeit verlieren. Durch diese kleine sanfte bewegung werden die Verlust der Feuchtigkeit beschleunigt und auch um eine Regelmaessigkeit zu erzielen. Die Bewegung sollte sanft sein – wie immer beim Tee. Im Bild machte diese Dame zu grob, meinte mein Lehrer – und ich dufte keineswegs probieren.

20.20 Da Lang – das Welken stoppen und grosses Schuetteln des Blattgutes

Ein Prozess um die Fluessigkeit der Blaetter regelmaessig zu verteilen und um die Raender leicht reiben, die Fermentation vorzubereiten.

Dalang

Was ich machen dufte, war die schwere Arbeit, das Blattgut umzuverteilen oder irgendwohin zu transportieren. Bei dem grossen Schuetteln, das das Welken endgultig stoppt und die gebliebene Feuchtigkeit in Blaetter regelmaessig verteilen laesst, duftet der Tee bereits wie ein Duftmeer! Ich hockte vor dieser Maschine und vergass wo ich mich befand. 

dalang 2

Nach knapp 30 Minuten wurde ich geweckt. Es ist die Zeit zum Essen und ausruhen. Der Tee ebenfalls. Nun findet endlich die Fermentation statt.

Um 00.50 geht es weiter. Bevor es weiter geht, duschte ich mich und ging kurz schlafen.

In Mingjian als Teepflueckerin

Die Tage in Mingjian sollten mich lehren, wie ein gewoehnlicher Formosa Oolong gemacht werden. Mein Lehrer ist streng und ich konnte mich nicht krank machen.

Das Erste, was ich machen musste, war Tee pfluecken. Das machen heute in Taiwan eigentlich nur alte Frauen und importierte Heiratskandidatinnen.

Mir wurde ein Strohhut gereicht. Der alte Chen lachte ueber mein Outfit. Seine Frau war bereits seit sieben Uhr am Feld. Xiangxiang, sein Enkelkind klebte an mir und wollte mit zum Pfluecken gehen. Das Kind ist ein richtiger Frauenheld. Er gruesste mich mit dem Satz : „A-Yi, Wo Ei Ni!“ (Tante, ich liebe Dich.) Alle lachten und er klebte an meine Hose. Wenn er zum Toilet ging, musste ich mitgehen und sein Po putzen – dabei beschwerte er sich, dass seine Mutter viel besser macht.

Haus Chen

6. 4. 2008, Sonntag 12.00

Xiangxiang zeigte uns wo seine Grossmutter arbeitete. Wir fragten ihn, wie wusste er, wer seine Grossmutter war, weil sich alle Pflueckerin gleich kleideten. Er antwortete mit einer Selbstverstaendlichkeit, „Ich rufe, Ama (Grossmutter auf Taiwanesisch) und Ama wird mich rufen!“ Die Ama arbeitete bereits sehr hart. Sie war von oben bis unten bedeckt und hinter ihrem Ruecken hing noch eine Schnurr mit einem Hocker! Xiangxiang klebte an seine Grossmutter und fragte, wann sie ihm ein Eis kaufte. Er ruehte die Pflueckgut-Sack aus Anteilnahme und fluesterte immer wieder zu ihren Ohren.

Xiangxiang

Ich versuchte so schnell und gut zu sein wie die anderen Frauen. Keine Chance. was ich nachmachte war falsch, meinte mein Lehrer. Er zeigte mir, wie ich richtig machen sollte, um schnell, sicher zu sein, ohne das Pflueckgut zu verletzen! „Du muss die Teeblaetter so anfassen, wie Du Deinen Liebhaber behandelst! Ganz sanft und sorgfaeltig.“ Mein Schweiss tropfte. Ich kann es nicht! „Mache weiter!“ Ich bemuehte mich und zeigte ihn meinen Erfolg – er schuettelte seinen Kopf. Ich sei Hopfen und Malz verloren. Er habe noch nie so eine grobe Pflueckerin wie mich gesehen. Ich gab auf. Eine gute Ausrede – ich bin eben nicht geeignet fuer diese sanfte Aktion.

Pfluecken So muss es sein!

Meine kaffeesucht heimsuchte mich. Ich schrie nach Kaffee – fuer ihn sei es die fluessige Pferde-Ausscheidung. Xiangxiang brachte mich zum Family Market. Natuerlich gab es dort keinen gewuenschten Kaffee. Er troestete mich, dass seine Mutter mir spaeter einen machte. Dann brachte er ein Eis und sagte dabei „A-Yi, Wo Ei Ni! (Tante, ich liebe Dich.)“ Ein fuenfjaehriges Kind wusste schon, wie ein Frau zu haben ist. Ich kaufte ihn das Eis und fuhr weiter zu der naechten Station – das Sonne-Welken.

Es war 6.4. 2008 Sonntag 13.30.

Oriental Beauty 2008

Der Weg zum Oriental beauty Teegarten schien diesmal einfacher und deutiger zu sein. Die Strasse war breiter, geteert und installiert mit Strassenlampe. Ich roch aus dieser Neuigkeit einen Unheil. Ziemlich schnell sah ich frisch gebaute Villen und Luxus-Wohnungen. Mein Herz wurde immer mehr verkrampfter als diese neue Siedlung endlos wurde.

Awen veraenderte sich nicht sehr viel, seit ich ihm letztes Jahr sah. Sein Sohn wurde einfach Groesser. Die Toechter sahen mich schuechternd an, als ich die Schokolade verteilte. Er fragte mich, ob ich mit der Wahl zufrieden sei. Wir kennen uns lang genug und wissen, dass wir darueber offen reden koennen. Er machte sich Sorgen. Er zeigte mir eine Auszeichnung aus China, die er fuer seine Anwesenheit bekam, als er an einer Tee-Messe in Quanzhou teilnahm. Diese Messe wurde nur fuer die Teebauer aus China und Taiwan veranstaltet. Seine Reise wurde komplett bezahlt – von der chinesischen Regierung. Der Verkauf ging schief, keine Nachfrage. Aber die Promotion fuer eine kuenstliche Teestadt war im Gang. Taiwanessiche Teehaendler und Teebauer sind herzlich eingeladen, sich dort zu niederlassen – Miete in dem ersten Jahr sei Gratis, viele Privilegien und Vorteile kommen noch dazu! „Bist Du ueberzeugt?“ Er schuettelte seinen Kopf, „aber wie geht es weiter mit uns?“ Die neue Regierung verspricht eine Oeffnung des Marktes und viele hoffen auf diesen neuen Markt, ein Geschaeft mit den Chinesen zu erzielen! Aber das bedeutet fuer einen Teebauer in Taiwan einen wahrscheinlichen Niedergang. Der Teeimport wird nun endlich legalisiert. Das Mischen des chinesischen Tees in die Formosa Tees wird immer eindeutiger und unaufhaltsam. Da die Tees auf dem Makrt sowieso wie alle andere Waren in der Welt immer aehnlicher werden, verschwindet wohl auch immer mehr das klare Profil des Formosa Oolongs! Der Import Tee wuerde Teeanbau auf Formosa zunichte machen – meinte er.

Seine pessimistische Haltung machte eine komische Stimmung. Warum sollte ein chineischer Oriental Beauty den originellen ersetzen koennen, wenn der originelle charaktervoll und herrausragend bleibt? In der Konfrontation mit einer drohenden Veraenderung sollten wir doch noch bewusster werden, was wir haben und wer wir sind, meinte ich. Ich bitte ihn, sich auf die traditionelle Machart zu besinnen und Vertrauen haben, dass unser Tee einzigartig ist. „Bitte insistiere das, was Du tust!“ bitte ich ihn. Wenn wir selbst vertrauen in unser Tun verlieren, wie sollten wir denn weiter gehen?

In einer krisen Situation reagieren meiste Menschen mit ihren gewoehnlichen Muster, zu denken und zu handeln. Nur wenige vertrauen ihre Intuition, die ihren Weg folgen und anders als nur an Sicherheit zu orientieren und zu handeln. Es gibt noch nie einen Tee, der sein Gesicht verliert, um zu ueberleben. Es gibt nur solche beruehmte Teesorten, die Jahrhunterten ueberdauern und sein Gesicht beibehalten. Ein Longjing wurde noch nie aus einem Gruentee zu einem Oolong verwandelt. Umgekehrt bleibt er als eine Raritaet, weil er seinen Charakter beibehaelt. Die Mode kommt und geht. Probleme kommen und gehen. Auch der chinesische Tee scheinbar den Formosa Oolong bedrohen koennen, auch wenn Chinesen alles kopieren und machen koennen, wird Oriental Beauty so bleiben, wie er ist, weil er ein Oriental Beauty ist, der so und nicht anders schmeckt. So lang wir es insistieren und vertrauen auf den Tee und unser Tun haben, wird es belohnt – versichte ich ihn. Er schwieg. Ich dachte sofort an die neu hoch gezogenen Haeuser. Er sagte, dass seine Kinder eine gute Ausbildung bekommen werden. Ja, ich weiss. Sie werden wohl so leben wie ich, ins Ausland gehen und sich immer mehr von der Erde trennen. Das Land, das er nun hat, koennte auch einen anderen Zweck erfuellen – einen wirtschaftlicheren. Das ist das wirkliche Problem, das wir haben.

Ich ging weiter und nahm einen seltenen Winter Oriental Beauty 2007 mit. Mein Herz wurde schwerer. Was wartete nun auf mich in Mingjian?

 

Hanami – der unaufhaltsame Fruehling

alter KirschbaumGepflegter alter Kirschbaum

自從有了天窗
 就像親手揭開覆身的冰雪

我是北地忍不住的春天

鄭愁予.一九五七

Wenn der Ostwind weht, ist der Fruehling im Norden unaufhaltsam – unaufhaltsam sind die Kirschblueteknospe, unaufhaltsam ist das kosmische Zyklus, unaufhaltsam ist die Sehnsucht nach einem neuen Anfang. 

Worum Kirschbluete in Japan? Was macht denn dieses Phaenomen so besonders? 

Hast Du schon Mal alte Beaume gesehen? 100, 200 oder 300 Hundertjahren alt? Alt, leicht geknickt, rauh und volle Knollen? Vielleicht haesslich, unauffaellig und laestig? Was passiert, wenn so ein alter Baum blueht? Er blueht mit vollen seinen Kraft: aus den faltigen rauhen Staemme und Zwerge kommen die zarte, weisse oder rosa Bluete. So Zart, dass es fast melancholisch aussieht. So intensiv, dass seine Lebenskraft voll ausgeschoepft ist. So voll, dass seine Axte fast ausbricht.

Und wenn es nicht nur einen solchen Baum auf der Strasse steht, sondern 100 oder 1000 an einem Ort oder am Ufer? So wunderbar und praechtig, dass man fast eine Verbeugung vor diesen Baeume machen muss!

Ein junger bluehender Kirschbaum auf einem europaeischen Garten vermittelt uns nicht das gleiche Gefuehl wie ein alter Baum, der einfach an der Strasse steht, der aus seiner Lebenskraft vielleicht die letzte Hanami mitstreitet. Japaner bewundern nicht nur einen bluehenden Kirschbaum. Sie verstehen sogar, was das Kirschbluete-Bluehen bedeutet. Die Baeumen tun ihr Beste! Sie tun ihr Beste, zum bluehen, wenn der Fruehling sich voranschreitet.

Was passiert, wenn ein alter Baum das Hanami nicht mehr mitmacht? Wird er ins Altersheim verschoben? Wird er abgeholzt, damit ein junger Baum Platz bekommen kann? Die Kirschbluehte-Kult in Japan lebt mit einer anderen Logik. Sie entscheidet sich fuer einen alten Baum, der nicht mehr bluehen kann. Er wird gewickelt, gepflegt, gestuetzt. Sie glauben an den guen Wille des Baums. Es gibt nicht nur diesjaehrige Hanami, es gibt noch das naechste und uebernaechste. Sie tun ihr Beste – genau wie der scheinbar tote Baum einst tat, um diesen Baum wieder zum Leben zu wecken. Es geht nicht um die Erfolgschance, oder um das Hanami, sondern um den Baum, den man liebt. Ob diese Aufwand sich lohnt, wird nicht gefragt. Man tut das Beste. Um den Rest kuemmert sich das Kosmos.

Dieser Geist ist das, was mich von Hanami am meisten berueht. Die Liebe, die man hier zum Kirschbluete pflegt, ist nicht eine oberflaechliche Emotion. Man bewundert die bluehenden Masse, aber auch das, was die Natur Menschen inspiriert. Zu jedem Fruehling bluehen aehnliche Baeume, auch wenn die Gesichter der Menschen sich wechseln. Die Baeumen tun ihr Beste, ohne etwas zu wollen. So zu leben wie die Kirschbluete koennte wohl so bedeuten: so zu leben nur um das Beste aus dem Leben zum schoepfen.

Kirschbluete Tee

Diese Kult hat eine sehr triviale Seite: Kirschbluete konservieren, vor dem Gebrauch waschen und dann mit Sencha aufgiessen. Der Geschmack scheint mir nicht sehr romantisch.

Vor Chion-in

枯籐老樹昏鴉, 小橋流水人家, 古道西風瘦馬。 夕陽西下, 斷腸人在天涯

[越調] 天淨沙·秋思 (Herbst Gedanke)

馬致遠 Ma Zhiyuan(1255-1321, Yuan Dynastie, China)

peilinMeine Schwester vor Chion-In

Als wir vor diesem Haupttempel Chion-In von der Schule „Reines Land‘ erreichte, begegnen wir diese unbeschreibbare Landschaft. Ich fing an, die erste Strophe dieses Gedicht zu singen und meine Schwester folgte.

Eigentlich war es ein Fruehlingsmorgen. Die Sonne schien nicht wirklich freiwillig. Ich zog alles an, was ich hatte. Mir war es egal, ob es zusammenpasste. Kalt, rauh und feucht.

Ma Zhiyuan war einer der bekanntesten Poeten in der fremden mongolischen Herrscher-Zeit. Er schrieb am liebsten ueber Daemone, Geister und Gottheiten. In dieser unsichtbaren Welt suchte er wohl sein Zuflucht in seinem eigenen Land unter Fremden, oder war er selbst ein Fremder in der eigenen Land, das ihm immer fremder wurde? Unter der fremden Herrschaft duften die chinesischen Intellektuellen nicht politisch thematisieren. Die meisten suchten in der Literatur versteckt die Unterdrueckung zu artikulieren. Vielleicht war das Gedicht ein Spiegel seiner Seele, sich wie ein Wanderer mit nicht aussprechbarem Schmerzen unterwegs in dieser Welt zu leben. 

In diesem Gedicht beschrieb er einen Wanderer:

Im tiefen Herbst eilte ein Wanderer. Ihn begleitete ein mageres Pferd im Herbstwind auf einen einsamen Weg. Auf dem alten Baum hingen paar duerren Zweige und standen paar muede Voegel. Ein Fluss fluesterte ohne etwas zu wollen, ueber den Fluss stand ein kleiner Bruecke, am Fluss standen paar unauffaellige Haeuser. Es wurde immer dunkeler. Beim Betrachten des Sonneuntergangs spuerte der Wanderer sein gebrochenes Herz am Rand der Welt. 

Wer mit meiner Interpretation nicht zufrieden ist, koennte eine englische Uebersetzung noch nachlesen.

http://www.pureinsight.org/pi/index.php?news=3704

Hanami – Blumen bewundern

Hanami - Blumen bewundern

Kirschbluete gibt es ja ueberall, auch in Washinton D.C. bluehen die Krischbluete. Wozu preisen wir denn die Kirschbluete in Japan und tausenden Touristen pilgern dort hin? 

Kirschbluete werden gepflueckt, gesalzt und konserviert. Als Tee aufgegossen mit Sencha, oder als Beilage zum Essen. Diese Art von Kirschbluete-Kult gibt es wohl auch nur in Japan. Aber warum? Koennte man in Washinton so eine Kult auch zerebrieren?

Die Suche nach Senbei

Die Geschichte hat vor einem Jahr angefangen.

Teemeister Ulrich Haas fuehrte ein Kencha in Zuerich im Feb. 2007 auf und offerierte eine ausgesuchte Sueesigkeit von Urasenke-Schule. Diese Suessigkeit ist extra fuer Urasenke im Ausland hergestellt und unverkaeuflich. R. war wegen meiner Einladung zum Tee da und war sehr angetan von dieser Suessigkeit. Er fuehrt inzwischen ein renomiertes Versandhaus in der Schweiz und wuerde sehr gerne seiner werten Kundschaft diese leichte suesse und salzige Suessigkeit – Senbei zum Tee anbieten. Es gaebe in Europa nichts Adaeguates.

Ich fragte Urlich, wie man es besorgen keonnte. Er lachte im Telefon und sagte mir, dass wir es vergessen sollten. Die Japaner wuerden wegen uns doch keine Muehe machen. Ich gab nicht auf und fuehlte richtig aufgemuntert dabei. Etwas zu organisieren ist meine Staekre, vor allem etwas Besonders, was schwer zugaenglich sei sollte. Ich versprach R. es zu besorgen.

Die Zeit ist vergangen. Kein Erfolg. Das Geschaeft Sue Tomi sagte immer hoeflich im Telefon, dass sie nichts ins Ausland verschicken und diese Suessigkeit nur fuer Urasenke anfertigt. Wenn ich es unbedingt will, sollte ich doch zu Takashimaya Kaufhaus oder nach Kyoto kommen. Letzter Fruehling war ich in Kyoto mit einer Reisegruppe so sehr abgelenkt, dass die Suche nicht moeglich war. Und diesmal wollte ich mein Versprechen einloesen.

Ich lass die Adresse – nur einen Strassename und eine ungefaehr Richtung, keine Hausnummer. Auch kein Problem, ich wusste ungefaehr, was das bedeutete – einfach um das Ecke dieser Strasse sollte das heissen. Wir fuhren mit dem Bus und suchte nach dieser Gasse. Es gab einfach keinen Strassenschild und auch keine Nummer. Nach einer grossen Anstrengung fanden wir endlich diese Gasse. Meine Schwester fragte, „Wie koennte Urasenke so einen Laden beauftragen, der in so einer kleinen Gasse steht?“ Aber diese komische schwer auffindbare Gasse scheint etwas Besonders zu sein. Alte traditionellen Haeuser stehen nebeneinander. Viele Kimono Laeden versammeln sich dort, die von Aussen nicht erkennbar sind. Wir suchten nach Reklame-Schilder nach Sue Tomi. Es gab keine Schilder, die man ueberall in Asien finden koennte. Nichts, was uns verraet, wo Sue Tomi sein koennte. Ploetzlich merkte ich, dass ich vor der Tuer von Sue Tomi stand. Eine unauffaellige Erscheinung mit einer unauffaellige Tuer und unauffaelliger Atmosphaere. Hier sollte dieser beauftragte Handwerker sein, der fuer weltweite Urasenke Senbei (eine Art Kekse aus Reis und Weizenmehl) produziert. 

Sue TomiSue Tomi von Aussen. Das Geschaeft hat nicht Mal eine Internetseite!

Wir traten ein und waren irritiert. Die Verkaeufer schienen genau so irritiert zu sein, als sie wussten, was ich wollte. Ich wollte Senbei kaufen, die aenhlich schmeckt wie die Senbeis von Urasenke. Die Verkaeuferin deutete auf diese Kekse. Ich wollte verkosten. Sie zoergerten und die andere wohl gedresste Dame neben mir zeigte ihr ueberraschtes Gesicht. Ja, ich bin ein Barbar, aber das macht nichts – ich sagte zu mir selbst. Die flexible Verkaeuferin brachte mir zwei Senbeis. Sie waren genau so wie der Geschmack in der Erinnerung an dem Tag von Kencha. Ich gab einen Auftrag – in der gleichen Zeit bewegte das gesamte Personal. Sie packten, falteten und schnurrten die Packeten in einer Geschwindigkeit, die man nicht erwartete. Blitzschnell waren die Schachtel fertig gepackt. Das Packpapier war ohne TesaBand und das Knoten von dem Schnurr kann man nur nachmachen, wenn man eine Anweisung erhaelt. Solche Knoten sind so gemacht, damit die Schachtel ueber einander stehen koennen, auch wenn es zwangzig oder dreissig Schachtel sind. So etwas wuerde man nie in anderen Teilen der Erde finden. Ich war beeindrueckt. Beeindrueckend war auch der Preis und die poetische Namen von deren Suessigkeiten.

Danach ging ich Kimono kaufen. Als ich das Kimono mit dem Obi anprobierte, fragte mich die Verkaeuferin, ob ich Kunde von diesem teueren Laden bin. Sie deutete auf die Tragtasche. „Dort gehen nur reiche Leute hin.“ sagte sie. Ein Laden, wo nur reiche Leute hingehen? So ein unauffleiiger Laden mit einer unscheinbaren Erscheinung in einer kleinen Nebengasse?

Wie wuerde ein Suessigkeitgeschaft in Zuerich aussehen, wenn nur reiche Kundschaft rein und rausgehen? Oder in Paris und New York? Nehmen wir ein Beispiel von Spruengli. Wo liegen die Laeden von Spruengli? Im Hauptbahnhof, am Paradeplatz oder an der Lowenstrasse! Wie werden die Verkaueferin gedresst und was fuer Marnier haben diese Frauen? Was fuer ein Show muss man dort abziehen, wenn man dort einkauft, um „reich“ zu erscheinen und freundlich bedient zu werden?

Ich fragte mich, was es bedeutet, dass ein traditionreiches Geschaeft seit Meiji Zeit, ein von einer traditionreichen Teeschule beauftragtes Handwerker an einer kleinen Nebengasse ohne Reklame unauffaellig auf uns wartet. Das Geschaeft ist nicht interessiert ein globaler Player zu werden. Sie wissen, dass sie etwas besonders produziert, eine Suessigkeit aus Miso (fermentiertes Sojabohne) und Soja-Sosse koennen nur Menschen erreichen, die das einfache dezente Geschmack schaetzen. Vielleicht nur Japaner. Sie wissen, dass die Kunde sie finden, die wollen. Und nicht umgekehrt. Eine Logik gegen die gaengige Bussiness-Logik der kapitalistischen Lehrbuecher! Aber es scheint zu funktionieren! Auch ein Innernschweizer Versandhaus suchte nach ihren Senbeis!

Die Nachwirkung von dieser Suche wirkt jetzt immer noch nach. Ich verstand, warum ich immer wieder in diese Stadt zurueckkehre. Dieser Geist ist der Geist, der Kyoto zu Kyoto macht! Die Handwerker in Kyoto wissen, dass ihre bewusste Zurueckhaltung Menschen tiefer berueht als das Blendwerk. Sie wissen, dass die schweigende Arbeit im Hintergrund in der Wirklichkeit viel mehr bedeutet als die Praesenz in Medien.  Sie wissen, dass ihre gute Arbeit ihr Selbstwertgefuehl schenkt und ihr Beharren auf das, was ihnen Wert ist, eine Tradition schafft und belebt.

Das ist auch der Geist des Tees. Die Menschen suchen Tee (Weg), sie kommen, weil sie es wollen. Sie halten die Suche aus, weil sie es wollen. Unabhaengig davon, was die Anstrengung einem ausmachtund was das Ziel ihnen verspricht. 

Ein kleiner Verrat

Ein kleiner Verrat, ein harmloser Seitensprung, ein kurzes Ausflug ins Kaffeeland.

Ich habe meine Kaffeemaschine in Zuerich gelassen, auch meine Kaffeebohne und meine Kaffeetasse. Aber den Koerper mit dem Koffein-Sucht nahm ich mit. Diese Sucht liess mich hier nicht mehr los.

Gestern ging ich endlich Kaffee kaufen, weil unsere Kaffeedame (meine Schwester) nicht da war und ich die Kaffeemahlmaschine mit meinen linken Haende kaputt machte. Die Jungs am Stand war so fit, dass ich nicht auf sie aufpasste. Der Kaffee war gezuckert! Enttaeuscht und sauer, schwoerte ich in ein richtiges Cafe-Shop zu gehen. Ein richtiges Cafe heisst in Taipei, Kaffeebohne nicht aelter als 240 Stunde geroestet, frisch gemahlt und am Tisch zubereitet.

Zhanlu, ein Kaffeeshop an der Xinshen South Road, merkte ich mir schon lange, aber noch nie besucht. Von Aussen sah das Lokal richig professionell aus. Die Karte ist wunderbar, von Blend bis Solo-Kaffeesorte: Von Suedamerika bis nach Hawaii. Was will man mehr? Ausserdem wird sogar Whisky ausgeschenkt! Leider war die Beschreibung und Degustationsnotiz zu wenig differenziert und standarisiert. Aber beeindruckend sieht die Menuekarte im ersten Blick auf jedne Fall! Jede Kaffeesorte wird mit Ort und Farm detailiert angegeben. Diese Art von Kaffeeshop liegt in Taiwan wohl ziemlich im Trend, was mir sehr gut gefaellt, aber in Europa noch nicht sehr bekannt ist.

Ich waehlte Kaffee aus Farm San Augustin in Columbia Huila aus. Die Dame verscuhte mir richtig zu beraten und warnte mir vor der Saeure. Ich meinte, dass ich die Bohne aus diesem Gegend kenne. Sie bereitete den Kaffee vor mir zu. Schoene Kaffee-Zeremonie. Ich haette sofort Zweifel an dem Temperatur des Wassers. Der Kaffee duftet schoen und hat leichte Farbe. Leichte Reostung, meinte sie. Die Saeure war so dominant, dass der fruchtige Geschmack erst beim Abgang bermerkbar wurde. Ich sagte ihr sofort, dass er mir nicht gefaellt. Sie bot mir sofort an, einen erfahrenen „Meister“ fuer mich zubereiten zu lassen. Dieses Service hat mich doch beeindrueckt und liess mir noch einmal einen saeuren Kaffee zu bringen.

Diesmal war der Kaffee eindeutig dunkler. Sie sagte mir, dass die Person bei der Kaffeezubereitung eine Rolle spielt. Ich stimmte zu, aber lobte ihre Grosszuegigkeit. Diese neue Tasse schmeckte vielseitiger, aber die Dominanz der Saeure war nicht zu korrigieren. Der Abgang war laenger und noch fruchtiger. Mein Herz schlug sofort schneller. Mein Koerper vertaegt diesen Kaffee nicht. Er ist zu aggressiv, auch wenn er nur von der leichter Roestung ist.

Enttaeuscht bazahlte ich die Rechnung, 230 Taiwan Dollars, knapp 10 Sfr. Gutes Hardware – Service und Einrichtungen, schlechte Auswahl. Aehnlich wie beim Erlebnis mit vielen Teelaeden. Ich ging wieder raus und erzaehlte Freunden und meinem Teelehrer ueber meine Enttaeuschung. Sie lachten mich aus, als ob ich inzwischen ein Auslaender waere. Es gibt wirklich paar verrueckte Kaffeetrinker unter den Teeliebhaber wie Onkel Huang. Sein Kaffeelieferant zittert, wenn er seinen Kaffee bestellt. Privat ist er ein Uhrensammler und Tee-Ameisen – er sammelt auch Tee, uralte Tees. Er sagte mir, dass man in diesem Laden keinen Kaffee trinken darf. Viel zu teuer und schlecht. Mein Teelehrer sagte mir, dass ich die Essenz des Tees immer noch nicht verstehe und deswegen erwische ich schlechten Kaffee!

Ein guter Kaffee ist wie ein guter Tee meinte er. Wenn man Kaffeebohne unreif pflueckt, ungenuegend fermentieren laesst, unausreichend trocknen laesst und zu kurz roestet, wird der Kaffee sauer und aggressiv. Das Gleiche gilt auch beim Tee! Wenn man so einen Kaffee mit Gewalt stark roesten laesst, bekommt der Kaffee ausser dem verbrannten Geschmack sonst nichts. Das meinen die meisten Menschen einen starken Kaffee!

Jedesmal war ich die erste Person vor einem Teeseminar, die nach Kaffee schreit. Ebenfalls die erste, die danach nach einem Bier sucht. Warum soll ich ausser Tee nicht anderen Getraenke lieben?

Kaffee und Tee oder Bier sind Getraenke, die fuer Einzelngaenger geeignet sind. Ich sitze gerne allein, liebe die Schlichtheit. Von der Verspieltheit halte ich mich fern. Am Ecke bei einer Tasse Kaffee (einen guten) zu sitzen macht mich wahrsinnig gluecklich.

Kein Titel

Alle gingen nach Hause, als der schlechte Nachricht am heutigen Wahlabend kam. Nano weinte bereit, als das erste schlechte Ergebnis genannt wurde.

Der Raum wurde bald leer. Es blieben ich und mein Teelehrer. Seine Frau versteckte sich dort, wo der Tee versteckt ist. Ich spuerte das schwere Herz, das aus Unversteandnis weinte. Diese Dinge kann man schwer verstehen, wenn man nicht unter einer Diktatur lebte und dagegen gekaempft hat.

Er senkte seinen Kopf vor dem Teetisch. „Morgen ist wieder ein Tag. Ab morgen kuemmere ich mich nur noch um das Essen. Ein gutes Resturant zu finden, das gute Essen zu kaufen und zu kochen. Ab morgen kann ich nur noch mit Tee sprechen.“ er jammerte, “ ich kann mich nicht mehr um Politik kuemmern, es wird wieder so wie frueher, wir duerfen wieder nicht mehr laut sagen, was wir denken!“ Ich konnte ihn nicht troesten, weil ich auch unter dieser Diktatur gelebt habe. Ich weiss, was eine Zensur bedeutet, wie das Geheimdienst funktioniert und was die politische Freiheit bedeutet, wenn man entbehrt wurde.

„Ab morgen kuemmere ich mich nur noch um Tee.“ er weinte „Hoffenlich gibt es in Hundertjahren noch Formosa Oolong!“ Mein Lehrer stammt aus dem Land, Mingjian. Ein Bauersohn, der an einem Teebaum gebunden war, als die Erwachsene beschaftigt waren. Er sprach mit mir meistens nur auf Taiwanesisch, weil er auf Chinesisch nicht ueber Tee sprechen kann. Seine Liebe zum Tee war die Liebe zu diesem Land. Im Vergleich mit mir hat er das Glueck ein Heimat zu haben, das ihn stuetzt. Er kann nirgendwo leben als auf diesem Insel. Ohne diese Insel und ohne Formosa Oolong waere er nicht er. Trotz seiner Liebe zu Taiwan liebt er Tee ueber alle Grenze, er liebt ebenfalls gute Tees aus China. Er liebt auch Rotwein, Eiswein, Schweinshaxe und Whisky.

Mit seiner Arbeit und Talent waere er eigentlich der Teeguru Taiwans. Er lebt allerdings in einer Zurueckgezogenheit, in einer kleinen Gasse, wo man die Adresse nachfragen muss. In vielen kleinen Gasse Taipeis verstecken sich viele Persoenlichkeiten, die ihre Arbeit im Hintergrund tun und keine Anerkennung im Massen suchen. „Medien ist ein Aufzug, der Dich hochfaehrt und auch runter faehrt. Sie brauchen Ereignisse.“ Er wollte kein Star sein. Das war seine Entscheidung, seine eigene Arbeit machen, die ihm Spass macht und davon leben zu koennen. Etwas in Bewegung zu setzen war sein Motor, um den Trend des Formosa Oolongs zu drehen. Solang er da ist, wird der Formosa Oolong in einem Vielfalt gelebt, das dem Markt nicht richtig beeinfluessen kann. „Wenn alle den standarisierten Tee verkaufen, muessen wir anders handeln. Wir werden Menschen finden, die es satt haben – mit dem standarisierten Futter. Formosa Oolong hat viele Gesichter, die gezeigt und gepflegt werden muessen. Nicht mit Institution, sondern wir machen es.“ sgate er immer zu mir. Aber was mache ich, wenn manche Kunde immer noch seinen Meinung festhalten, wie sie den Tee so verstehen – dem Trend nach und den standarisieren Geschmack nachjagen. „Es geht uns nichts an. Das ist ihre Sache. Dich nicht beirren lassen.“

Jedesmal, wenn ich mit ihm Tee trank, denke ich oft an dem letzten Shongun Tokugawa Yoshinobu in der japanischen Edo-Zeit. Er gab widerstandslos seine Macht an dem Kaiser zurueck und trat widerstandslos in dem Schatten der Gesellschaft. Er verlor seine Macht, seinen Titel und sein Zuhause, nur weil er an seinen Platz in der Geschichte dachte. Die Bdeutung seiner Rolle in der Geschichte war ihm sehr bewusst. Er wusste, dass er der letzte Shongun war, in einer Epoche und in einem System, was bereits zur Vergangenheit gehoerte. Er wusste, dass er nicht das Glueck innehatte, eine erfolgreiche Persoenlichkeit zu spielen, sondern die Rolle des letzten Shonguns – er handelte anders als the Last Emperor of China. Als der erste Attentat auf dem japanischen Kaiser ausgeuebt wurde, sagte er zu seinen Kindern, dass sie einen Beruf lernen muessen. Die Zeit sei anders geworden. Auch er wurde in seiner Zeit von seiner Gefolgschaft nicht verstanden. Er sei zu feige. Mit seinem Fall verlor ebenfalls die Gefolgschaft ihren Platz und Glanz. Aber nicht alle sind zufrieden mit dem Leben ohne Glanz. 

Seine Rolle in der Geschichte ist dem Yoshinobu wichtiger als der Schein im Hier und Jetzt. Meinem Lehrer ist es dessen nicht so bewusst, worum es geht. Fuer ihn geht es nur darum, Formosa Oolong in seinen Gesichter weiter geben zu koennen und die Geschichte des Formosa oolongs weiter schreiben zu lassen. Er wollte nur seine Verbindung zu dieser Erde und zu dem Tee weiter an andere Generation zu vermitteln. Mehr denke er nicht. Aber die Geschichte des Formosa Oolongs wird die Arbeit dieser Person ein Kapitel widmen.