Eigentlich wollte ich wieder Mal allein zu Ulrich gehen, wieder einmal Chabako machen, wieder einmal schauen, ob mein Fuss wieder alles im Teeraum mitmacht. Als Tim es erfuhr, wollte er unbedingt mit. Als Michael es erfuhr, wollte er unbedingt mit. Am Ende wurde es eine kleine Truppe.
Seit einigen Zeit beschäftigt mich das Gedanke von Weitergabe – ein Spiegel meiner eigenen Tätigkeit in Shui Tang. Es wird immer mehr angefragt, ob es mehr Unterrichten gibt, ob es möglich wäre, dies oder jenes zu lernen. Ich sehe mich ungerne als eine Autorität und würde freiwillig darauf verzichten. Aber wie lange noch und wie sehe ich meine eigene Rolle in diesem Kontext?
Der Film THE GRANDMASTEr von Wong Karwei bracht mir viele Funken für die Zukunft. Ich kann es zwar riechen, aber noch keine Vision. Das, was ich in Yunnan auf den Bergen erlebte, war der pure Ausdruck von einem Machtsystem eines Patriarchats, das von dem Zement von Wissen, Macht und Geld lebt und es zu Höhepunkt bringt. Was bedeutet teilen, was bedeutet Weitergabe und was ist Wissenübermittlung?
Wind, wird gerne als eine Form von Unfassbarkeit und als Ausdruck der Freiheit in der chinesischen Kultur verstanden. Wenn sich viele Menschen versammeln, wenn eine heisse Diskussion stattfindet, freut man sich auf eine Brise, frische Brise. Frische Brise wird erst wahrgenommen, wenn die Anwesende zuhören und miteinander harmonisieren können. Eine frische Brise strömt durch den Raum und in dem Zuhören der Brise wird der Geist erfrischt und besänftigt.
Nach dem schmerzhaften Knien auf Tatami unterhalte ich mich gerne mit Ulrich. Wir unterhielten uns über das Grossmeister-System von unserer Teeschule. Eine Patriarchat verlangt eine absolute Loyalität. Was ist eigentlich „loyal“? Was bedeutet Loyalität in einem feudalen System und in der heutigen Zeit?
Ich seufzte. Seit ich ein Kind bin, liebe ich Tragödie, vor allem Geschichte über Helden, die glauben ihr Schicksal nicht verändern zu können. Diese Helden sind vielleicht auch ein Kontrukt von meinem inneren Mann, der verzweifelt gegen das Schicksal kämpft und nicht wusste, dass es ausser dem Kampf noch andere Entwicklung im Leben hat. Eine meine Lieblingsfigur ist ein Prinz, der vor 1400 Jahren in der kriegerischen Zeit Chinas lebte, der zwar den Frieden durch Siege schaffen wollte und aber ermordet wurde – von dem Neid des Bruders – der König. Er war so schön – es war so wie so eine spannende Zeit, es gab so viele überlieferte schöne Männer, dass er im Schlachtfeld immer eine Maske trug. Mit diese erschreckende Maske konnte er sein schöne Gesicht verstecken und Kriege erfolgreich führen. Aus ihm ist ein Tanz-Theater Lan Ling Wan Ru Zhen Qu 蘭陵王入陣曲entstanden. Um seine Soldaten zu ermutigen, um die Erinnerung an Sieg wach zu rufen entwarf er, ein schöner Prinz, erfolgreicher Krieger und natürlich auch ein gut ausgebildeter chinesischen Aristokrat, der Tanz, Musik und Literatur beherrschte, das Werk. Dieses Stück verliefert jedoch in China seine „Ernsthaftigkeit“ und wurde dann von Kaiserhof verschmäht. Am Ende wissen die Chinese selbst nicht mehr, wie das Stück vorgeführt werden kann. Die Japaner lernten das Stück in jener Zeit kennen, brachten es nach Japan, während es in China immer unbedeutend wurde. Bis heute wird das Stück in Japan im Tempelfest, in nationalen Theater durchgeführt. Sogar wurden sie nach China eingeladen und vor dem Grab dieses Prinzen noch einmal im 21. Jahrhundert gespielt.
Was dachte wohl der Prinz im Grab, als er diese Vorführung sah?
Ich sagte zu Ulrich, das wertvolle in China verlorene Stück kann nur in Japan konserviert werden, weil es so ein Patriarchat-System gibt und eine absolute Individualisierung verweigert. Ansonsten würden wir heute etwas sehen, was nie einmal war. In Westen könnte so etwas nie aufbewahrt werden – auch nicht einmal in China selbst. Ulrich sagte nicht viel dazu, nur: „Es funktioniert nicht mehr. Die Rolle des Lehrers muss modern interpretiert werden. Ich bin ein Begleiter, nicht mehr.“
Ich spürte eine Brise.
Eine Brise, als ob jemand etwas zu mir zuflüstern würde, als ob ein Fenster öffnet wurde. Eine Brise zündet noch mehr das Fackel. Solange ein Fackel brennt – wie meine Grossmutter sagt – kann jeder den Weg nach Hause finden.
Hier poste ich gerne eine neue Interpretation von dieser Tragödie des Lan Ling Wang. Das Tanztheater wurde heute China Rock:
http://www.youtube.com/watch?v=47gpB0wciBU
… und mit meinem Lieblingsschauspieler Feng Shaofeng und von meinem Lieblingsband May Day gesungen.
Sommerselektion von Shui Tang
Die Sommerselektion von Shui Tang ist nun online!
http://www.shuitang.ch
Ein milder weißer Tee aus dem besten Pflueckgut, das innere Hitze sediert und ein Hauch von Entspannung am sommerlichen Abend verleiht.
Ein Oolong, der zum Loslassen und Versöhnung in der hitzigen Stimmung einlaedt.
Ein Pu Er aus dem wertvollen Two Leibes and One Bud von sehr alten Teebauemen von Yiwu Bergen stammt, vermittelt uns die suesse Seite des Lebens!
Euch wünsche ich einen genussvollen Sommer!
Ich freue mich sehr auf meinen Ferien!
Dichte Beschreibung
Ein Lachen ist ein Lachen. Was sagt eine Beschreibung über Asien: „das Land des Lächelns“ aus?
Ein Lachen ist bloss ein Lachen. Ein Lachen plus eine Betrachtungsweise ist nicht nicht bloss ein Lachen, sondern ein Code. Ein Code, das decodiert wird und recodiert wird – von Sender und Interpret. Dieser Vorgang beschreibt der US-Wissenschaftler sehr prägnant: „ein bißchen Verhalten, ein wenig Kultur und – voilà – eine Gebärde“.
Ein fremder Besucher am Samstag fragte mich, was ich studierte. Ich konnte nicht beantworten. Diese Frage ging zu nah an mir. Soziologie und Germanistik sind nicht schwer auszusprechen, aber was ich genau studierte…
Ich erzähle meine Geschichte immer wieder anders. Ich erzähle Tee gerne immer wieder anders. Immer wieder anders, weil ich mich immer wieder anders werde. Ich entdecke immer wieder andere Teile in mir, die mir zuvor fremd waren. Und durch jede Begegnung mit dem fremden Teil in mir werde ich erneuert.
Wer ist denn nicht so?
Alexander sollte morgen seinen Vortrag bei Teeclub halten. Ich möchte sehr gerne dabei sein. Weil diese Reise mir sehr viel bedeutet. Während ich seinen sehr gut vorbereiteten Text lass, gingen viele Lichter in mir auf. Wir waren zwei fremden Menschen die in einem fremden Land einreisten, sogar gemeinsam, aber wir würde diese Reise unterschiedlich beschreiben weil wir so geprägt sind durch unsere kulturellen Muster! Was für eine Entdeckung?
Tee verbindet uns. Aber unsere kulturelle Grenze makieren verschiedene Pfade!
Ich hasse solche Aeusserung wie „das Land des Lächelns“ oder „geheimnisvollen Tee“. Solche Sätze findet man überall in Werbungen oder Bücher. Ich bin eine Asiatin, die gerne im Europa in einem bestimmten Kontext zugeschrieben werden! Exotisch und erotisch verfügbar! Das Objekt, was zu entdecken und zu konsumieren bedeutet liegt gerade in solchen Aussage. Tee ist nicht geheimnisvoll, er spricht einen klaren Text. Was kann er dafür sein, wenn Du ihn gerade nicht verstehst?
Genau wie ich meine Reise beschreibe, wird die gleiche Reise unterschiedlich beschrieben.
Der Unterschied reflektiert die kulturelle Grenze und Haltung zu dichten Beschreibung wie wir Fremdheit thematisieren.
Im Moment bereite ich Texte vor für das Vollmondkonzert im Herbst. Da wollen wir in Shui Tang musizieren, rezitieren und erinnern. Während ich die Gedichte über fremden Frauen in für sie fremden Land – China von 3. Jh und 8. Jh. vorbereite, wurde es mir immer klarer, dass es ein Stück mich selbst reflektiert. Plötzlich wurde ich gelähmt und konnte nicht mehr weiter daran arbeiten. Ich leide über Wochen und werde krank, weil ich gegen diesen Text kämpfe. Mein Unterbewusstsein wusste, dass ich eine Geschichte über mich selbst rezitiere. Ich weiss nicht, welch Stück von mir preisgegeben werden will, welches nicht. Plötzlich wurde es mir klar, je mehr Widerstand ich gegen etwas leiste, desto wichtiger ist diesse Sache für mich.
Wie konnte ich dem fremden Besucher erzählen, dass ich Fremdheit in meinem Studium verarbeitet habe. Meine Fremdheit, die Verwirrung in einer etablierten Gesellschaft wie in Deutschland auslöst und die in mir meine eigene Selbstfindung verwirklicht.
Was heisst Kultur? Was heisst Tee?
Wie beschreibst Du eine fremde Kultur? Wie beschreibst Du Tee?
Wenn das Verstehen von Kultur über ein Bedeutungssystem in uns stattfindet, ist somit diese Artikulation eine Reflexion. Tee zu beschreiben ist genau so über die Akte des Selbstreflexions!
Ansonsten – wozu gehst Du auf Reisen? Wozu trinken wir Tee? Nur um zu geniessen? Vielleicht viel mehr…
Reiseberichte und der postkoloniale Blick
Ich komme aus einer kolonialisierten Insel und habe in ehemaliger kolonialen Macht studiert.
Eine meiner Magisterprüfungen handelte sich um eine Thema:
„Reiseberichte über China in der deutschen Literatur.“ In dieser 4-stündigen Klausur habe ich die beste Note trotz meinen Grammatik-Fehler erhalten…
Es war eine andere Zeit meines Lebens, als ich noch auf der Identitätsuche war. In diesem Studium habe ich verstanden, wie und warum die hiesigen Menschen mich und meine Herkunft so wahrnehmen. Irgendwann wurde ich bewusst, dass auch ich den postkolonialen Blick nicht vermeiden kann und ihn selbst verinnerlicht habt!
Jeden Tag werde ich in Shui Tang mit diesem Blick konsumiert.
Jedesmal wenn ich nach Asien gehe, betrachte ich mit einem distanzierten Blick und oft sehr kritisch.
Immer wieder wenn ich eine Tasse Tee aufbereite, suche ich einen Punkt, um alles um mich noch einmal zu reflektieren.
Weil die hiesigen Menschen, die mich kennen, mich nicht mehr als ein reiner Exot betrachen, reden sie auch so mit mir, wie mit einem von ihnen. Oft ist es sehr unreflektiert, was kulturelle Ueberheblichkeit angeht. Ich schweige meistens. Es ist nicht mein Problem für dieses Nicht-Reflektieren zu verantworten. Ich rege mich auch nicht auf, weil es nicht mein Problem ist, dass die anderen Menschen unbewusst durch ihr Leben gehen.
Ich erinnere mich an die immer kehrenden Szene in Bergen Yunnans. Die Pflückerinnen lächelten schüchtern, aber sehr entschlossen – sie wollten nicht fotografiert werden!! Sie wollte nicht. Sie sprang aus dem Baum runter und rannte weg. Meine Gruppe reagierten wie Bienen und Flieger auf sie und blitzen und blitzen.
Ich schaute zu. Ohne Emotion und sagte auch gar nichts. Wozu? Das Mädchen wusste sich zu wehren. Wir sind alle bloss nur Menschen. Wenn ich Europäer wäre, wäre ich ncht anders als mit diesen Blick durch die Welt zu gehen…
Zufällig gestern Nacht entdeckte ich diesen interessanten Beitrag:
http://www.teetalk.de/topic/1229-reiseberichte-darjeeling-und-nepal/?p=13260
Teeforum interessiert mich nie. Ich bin ja kein Teefreak. Aber dieser Teebegeisterter Paul schrieb ein Thema an, was in mir Resonanz fand: Tee, Kolonialismus und Reise…
Das ist der Grund, weshalb ich meine Reiseeindrücke anders thematisiert und warum ich Texte über Tee anders schreibe – stets mit Reflexion. Mehr als über 20 Jahre lebe ich zwischen dem Osten und dem Westen. Es ist klar, dass ich die belden Blicke in mir habe – den kolonialen und den kolonialisierten… Ohne Reflexion wäre mein Leben ein Brei – ein Schlammschlacht! Wer könnte sich von diesem Schlacht entziehen in so einer vernetzten kommerziellen Welt?
Vortrag über Pu-Er Tees aus Yunnan mit Teeclub
Wer sich für unsere Teereise zu den alten Teebäumen interessiert, bietet der Vortrag von Alexander eine spannende Perspektive. Ich nehme an, dass er nicht über die schlimmen Klos und scharfes Essen referieren, sondern für seine Impression.
- Pu-Er Vortrag diesen Donnerstag in Zürich
Der Tee Club Schweiz hat mich freundlicherweise eingeladen, einen Bildervortrag über meine Reise nach Yunnan zu den alten Bäumen zu halten. Der Vortrag mit Teeverkostung findet am kommenden Donnerstag um 19:00 Uhr in Zürich statt. Dazu ist jedermann herzlichst eingeladen! Mehr Informationen zum Anlass findet Ihr hier.
EIne Veranstaltung von Teeclub Schweiz
Zeit: 19:00
Ort: GZ Altstadthaus, Obmannamtsgasse 15, 8001 Zürich
Mitglieder: kostenlos
Gäste Club-Mitglieder: 20.-
Nicht-Mitglieder: 20.-
Profile der Taiwaner in RTI
Sehr geehrte Frau Chou,
die Sendung mit ihrem Interview kann nun online gehört werden. Unter diesem
Link http://www.rti.org.tw/ajax/RtiwebPod/German_VOD.aspx brauchen Sie nur
auf das Datum vom 6. Juli und dann auf eines der Icons neben „Profile der
Taiwaner“ zu klicken.Vielen Dank noch einmal für das interessante Gespräch und alles Gute für die
Zukunft!Viele Grüße
Sebastian Hambach
Ich wünsche Euch viel Spass bei Hören von diesem kurzen Gespräch. Leider kann ich selbst nicht hören, weil mein Computer immer noch streikt.
Es ist lustig für mich, dass ich durch Shui Tang und meine Arbeit inzwischen von Aussenwelt anders wahrgenommen werde. Ich bin immer noch ich – was ist dabei anders geworden?
Eigentlich gar nichts. Aber die meisten Menschen interessieren nicht, dass Du immer noch dieselbe Person bist. Sie interessieren sich für Storys.
Ein Aermel voller Düfte – Oolong aus Shan Lin xi

Ich habe wirklich viele guten Tees in meinem Leben getrunken. Oft handelt sich nicht mehr um einen so gegannten guten Tee, vielmehr geht es mir um einen Tee, der mich bewegt und inspiriert.
Oft habe ich meinen Lehrer Atong gefragt, weshalb er keinen Oolong aus Shan Lin Xi hat. Seine Antwort war immer, wenn er einmal einen guten findet! Wie schmeckt ein guter Shan Lin Xi?
Man sagt oft, dass es im Sommer bei Teegeschäften ein Sommerloch gibt. Sommerzeit, Eis-Zeit. Auch Besucherzeit. An so einen warmen Tag kommt nur gewollter Besucher. Letzte Tage empfange ich viele Besucher aus der Ferne, wegen Tee wegen Menschen. Für meinen Besucher bereite ich den neuen Shan Lin Xi. Einerseits weil ich ihn näher kennen lernen möchte – es ist schön mit Teefreunde gemeinsam ohn zu erkunden; andererseits weil er unbekannt ist unter den Teefreunden.
Von den entzückten Augen und begeisterten Miene beobachte ich den Erfolg dieses Neuankömmlinge. Ein Aufguss nach den anderen, Ein Atmenszug nach einem anderen. Düfte betörten unsere Sinne – Blüte aus Süden… waren es Osmanthus, Rosen und Lilien? Sanft im Gaumen, dickflüssig auf der Zunge, Nachklang wie Balsam. Angenehm und ungewöhn zugleich. Fremd und vetraut gleichzeitig.
Gegen Abend nachdem letzte Gäste aus Amerika Shui Tang verliess, draussen auf den Neumarkt herrschte noch Lärm – Samstagabend im Sommer gefüllt von Gespräche und Gelächter, schaute ich die bergvolle Blätter aus Shan Lin Xi erinnerte ich mich an einen Ausdruck, wie ich diesen Tee beschreiben würde…
紅袖添香 Hong Xiu Tian Xiang
Roter Aermel voller Düfte
Ich liebe Düfte und sammle gerne verschiedene Düfthölzer und Harz. Nicht wegen esoterischem Spass, sondern aus reiner Liebe. Ich liebe den Aufwand, wenn ich Duftkugel aus Dufthölzer, Honig und Harz knete, wenn ich Asche siebe, wenn ich so aufwendig den Duft geniesse. Ein Hauch von Ruhe und Frieden. Meistens brenne ich auch Rächerstäbchen, nur weil es Fremdgeruch vertreiben soll. Aber für Spass und für mich, bringt der Aufwand mir innerlich viel mehr. Bei jeder Schritt der Vorbereitung wird der Ärmel immer wieder von Duft gefüllt.
Ähnliche Handlung, ähnliche Frieden und Freude wiederholten und beglückten wohl auch Menschen in alten China. Es wurde gerne erwähnt in der männlichen Phantasie der alten Zeit. Bei einem Buch begleitet von einer Schönheit, dessen Aermel voller Düfte – was will man mehr von Leben?
Shan Lin Xi Hochlandsoolong von Atong begleitete mich und meine Gäste an jenem Samstag bis spätem Abend. Er wird wie der Aermel voller Düfte noch weitere Menschen bei einem Buch, bei einem Besuch oder bei einem Sonneuntergang begleiten.
Das Gesicht einer Nacht 夕顏

松樹千年終是朽,槿花一日自為榮。
Auch wenn Kieferbäume Tausendjahre alt werden, werden sie irgendwann zerfallen.
Auch wenn Hibiscus nur ein Tag lang blüht, strahlt sie in voller Schönheit.
Bai Ju Yi (772–846), Tang-Dynastie China
Wenn ich in mir Unruhe spüre, mache ich unbewusst mir eine Schale Tee. Je nach meiner eigenen Auffassung wähle ich einen – selten einen grünen.
Grüner Tee geniesst im Europa wegen der angesagten Wirkung gegen Krebs einen Kultplatz. Die meisten Menschen hier haben selten einen Zugang zu ihrem eigenen Körper und glauben gerne an PR-Texte. Sie kaufen das, was empfohlen wurde und wo gepriesen wird mit einem Daumen nach oben oder nach unten. In jedem Frühling zerbreche ich meinen Kopf, um das Verhältnis von Preis und Qualität vom grünen Tee stabil zu halten. Zu viel eingekaufter güner Tee bedeutet für Shui Tang ein Verlust, weil die Schönheit des grünen Tees in meinen Augen eben nur von kurzer Dauer ist. In Japan gibt man sogar den Genusszeitraum von drei Monaten. Aber wenn ich alte Texte von 千利休, Sen no Rikyū lese, dann werde ich richtig verwirrt, dass er den alten Tee bevorzugt und den neuen Shincha als zu unreif bezeichnete.
Ich bin noch tiefer in Pu Er Tee verliebt, seit ich aus Yunnan von den alten Bäumen zurück komme. Der einfache Geschmack gleicht die Schönheit aus der einfachen Erde. Etwas, was reifen muss, um Facetten und Tiefe zu gewinnen – das spricht mir wohl wegen meinem Alter immer mehr an. Das grasige Grün verliert immer mehr mein Gunst.
Seit paar Wochen reisen immer mehr frische grüne Tees in Shui Tang an. Wir sind ganz fleissig beim packen. Die frische grasige Note und federleichte Blätter strahlen eine unglaubliche Leichtigkeit aus. In dieser Hitze Zürichs greife ich ihn sogar freiwillig zu. Während Natascha nach dem Feierabend noch für mich den Computer reparierte, machte ich mir eine Schale Matcha… Plötzlich sass ich im Garten von Sanzenin in Ohara. Der alte Kiefer und Moos scheinen greifbar zu sein. Der alte Kiefer kann lang leben, während mein Leben ein Provisorium ist…
Sara fragte mich auf der Reise, weshalb ich viele Leute aus Europa nach Yunnan mitnehmen wollte. Ich antwortete, weil mein Leben ein Provisorium ist, während der Tee weiter geht. Irgendwann bin ich weg und Tee muss im Europa tiefe Wurzel einschlagen.
Mein Leben ist so kurz wie der grüne Tee. Kurz von Lebensdauer. Wie der Hibiscus in Bai Juyis Gedicht.
Nicht nur Hibiscus ist ein Ein-Tagsblume. Prunkwinde auch. Es gibt zwei verschiedene Sorte: eine Sorte blüht nur am Tag – auf Chinesisch heisst er Morgengesicht, Zhao Yan, eine andere Sorte blüht nur in der Nacht – auf Chinesisch heisst er Gesicht einer Nacht, Xi Yan. Xi-Yan ist gerne erwähnt und oft mit einer Seufz in der chinesischen Literatur – weil er in einer Nacht blüht. Etwas, was nie zu Tage treten soll. Wir haben meistens Angst davor, wo das Licht nicht ankommt… Eigentlich liegt dieser Ort wo Licht keine Chance hat in unserem eigenen Herzen. Deshalb fühle ich mich immer angezogen von den Xi-Yan. Diese Blume erzählt mir das, was ich nicht zu Tage treten lassen will und das Leben nur von kurzer Dauer ist.
Beim Besuch von Hannes Garten entdeckte ich diese blaue Blumen in der abendlichen Stimmung – fast genau wie unser alten Garten in meiner Kindheit, als ich noch mit meiner Schwester durch unsere verschiedene Höfe Versteckspiele machten und vor Erwachsenwerden flohen. Unser Garten ist hin nach Hundertjahren. Ich bin nun hier in Zürich. Manchmal gehe ich zu Vrenis Garten an der Spiegelgasse – die Mauer ist rauh und alt, während die Blumen in voller Schönheit bloss paar Tage blühen.
Shui Tang in Monocole

Für die paar Zeilen und paar Fotos war es eine Haufen Arbeit. Paar Stunde verbracht ein Profi-Fotograf, der bereits viele VIP der Welt verewigt in Shui Tang. Ich konnte am Ende nicht mehr lächeln…
All die Arbeit für die paar Zeilen zeigt mir wie dieses berühmte Magazin arbeitet. Es geht um die Bestrebung der Perfektion, nicht um den Aufwand. Trotz dem Aufwand wurde mein Name falsch geschrieben…
Ich möchte mich hier besonders an Roger Fischer und Ursula Kaspar bedanken. Die wunderschöne Webseite und grafische Erscheinung war aus Rogers Hand und Chragis Können. Ursula ist die wirkliche Zauberin von Shui Tang. Ich bin unschuldig in dieser ganzen Geschichte – bloss zufällig dort, wo so ein wunderschöner Ort geschaffen ist!
Vor etwa fünf Jahren zeigte Roger mir das Magazin Monocole bei einem Abendessen. Er ist Fan von Monocole und das Magazin war mir nie ein Begriff. Er sagte, „Wenn Du einmal ins Monocole schaffst, dann gehörst Du zu dem „Top der Welt“.“ Ich bin ehrlich gesagt, nie ambitioniert, etwas zu werden und mache nur meine Arbeit, weil ich es will.
Es ist so entstanden – ich habe es nicht gewollt.
Shui Tang ist bald vier Jahre alt. Ich möchte mich bei allen Teefreunde bedanken, vor allem Shui Tang regelmässig kommen, tragen und helfen! Ohne Euch wäre das Teehaus nicht hier.
Nan Nuo Shan Shi Tou Zhai 南糯山石頭寨

朔風如解意 Wenn der Nordwind mich (die Pflaumenblüte) verstehen würde,
容易莫摧殘 würde er nicht so heftig und wütend wehen.唐-崔道融《梅花》Dang-Dynastie, Cui Daorong „Pflaumenblüte“
Als ich den Deckenrand roch, roch ich Spuren von Poren. Poren versunken im Kräuterzucker. In einem Tee aus Yunnan Poren zu riechen? Ich dachte es sei wegen meinem „Geschmackslosigkeit“.
In diesem Dschungel ist der Mensch so klein. Umgebend von grossen üppigen Bäumen – dazwischen Teebäume, die Spuren von Menschen verschwinden in der dunklen Schattierung des anderen Lebewesen. Vögel lästern, Insekten summen und Tiere lauschen… Nach dem typischen tropischen Nachmittagsschauer duftet der Wald nach Kampfer, nach Jasmin oder nach Maiglöckchen oder nach… mir fällt kein Begriff, um diesen umfassenden Spektrum diese Düfte zusammenzufassen. Nan Nuo Shan – bekannt nach dem Legende von Kong Ming, der intelligenteste Mann der chinesishen Geschichte, berühmt durch die Erzählungen von drei Königsreichen 三國. Es wurde erzählt, dass Kong Ming in Yunnan Kriege fuhr um die politische Macht von Shu zu stabilisieren. Als er mit seinen Soldaten durch Nan Nuo Shan reitete, wurden die Augen seiner Männer krank. Aber die Teeblätter in diesem Wald heilte die Augen seiner Soldaten und die Teebäume wurden seitdem verehrt. Und Nan Nuo Shan wurde zu einem Pilgerort des Tees.
Meine Augen waren heil – tatsächlich. Seit ich wieder in Zürich bin, stehen sie wieder unter stetigem Reiz und Rötung.
Ich weiss nicht ob diese Geschichte mit Kong Ming wahr ist, oder nicht. Wahrheit gehört zur Geschichte, die beliebig und oft willkürlich von Hegemonie interpretiert werden kann. Aber die Poesie gehört mir – für immer.
Nachdem ich in diesem Wald fast vier Stunde gewandert bin, wollte ich unbedingt auch einen Tee von dem Shitou-Dorf, wo Kong Ming verweilte (angeblich) HABEN. Haben, nicht nur ein Schluck zu erleben. Ich will meine Erinnerung wahr haben!
Über Umwege bekam ich endlich diesen Tee. Meine Nase riecht inzwischen wieder und mein Geschmack kehrt bedingt zurück. Mit Freude brach ich Stückchen von diesem Fladen, Nan Nuo Shan Shi Tou Zhai 2010, von You produziert, goss ich mit dem Wasser von Zürich auf. Plötzlich ist der Wald in meiner Tasse und ich bin auf einem Teebaum, der einfach dort auf dem Hang steht, allein und glücklich. Der Mond und sein Schatten sind seine bester Freund. Wie lang steht er da schon? Spielt die Zeit wirklich eine Rolle?
Ich will diese Verbundenheit mit diesen Teebäumen hier haben. Sorgfältig falte ich das Papier des Fladens und Aufguss für Aufguss trank den Tee.
Wenn der Mensch weiss, wie alt diese Bäume sind – vielleicht werden sie vorsichtig sein mit ihren Spuren… Wenn der Mensch weiss, wie hart es ist, eine Fladen noch wie in der Song-Zeit zu erzeugen, vielleicht gibt es Dankbarkeit bei jedem Schluck…
Plötzlich entdeckte ich bei zweiter Degustation die Ursache für die Spuren der Poren. Eine winzige Camelia-Blüte wurde in dem Fladen mitgepresst! Ein bisschen stolz auf meiner sensorischen Fähigkeit, vermischt mit einer starken Traurigkeit.
Teeblüte im Frühling – ein Phänomen gegen das Naturgesetz. Wenn der Baum nicht gestresst wäre, würde er nicht im Frühling blühen… Wer stresst den Baum?
In der chinesischen Kultur werden Pflaumenblüte gerne von Poeten verewigt. Nicht weil sie schön sind, sondern weil sie in den kalten Winter blühen. Eine Schönheit, die trotz der schwierigen Zeit zu sich selbst steht und Mut hat, selbst zu entfalten, wird in dieser Kultur als Ideal gefeiert. Pflaumenblüte bietet den Nordwin, nicht zu bitter und zörgerlich zu toben. Wenn der Nordwind wissen würde, wie schwer sie haben trotz der Kälte treu zu sich selbst zu sein! Vielleicht wenn die Menschen es wissen würden, wie schwer ein Teebaum in dem Dschungel zwischen den Schatten des anderen zu stehen, und wie viel Freude ein gesunder Teebaum den Menschen bereichern kann, würden die Menschen sanfter mit dem Ausbeuten seiner Blätter umgehen…