Archiv der Kategorie: Teehaus Shui Tang Zürich水美堂

Der Ort der Übung

Mein verstorbener Zenlehrer Michel sagte mir vor einem Jahr vor seinem Tod, „Stark sein ist nicht stolz sein.“ Ich dachte die Essenz seiner Worte zu verstehen.

Natascha kam unbeschwert zu mir und wollte bei mir Tee lernen. Was habe ich ihr beizubringen? Sie wollte alles lernen. Von Haltung bis zum Schmecken. Von Tee bis zum Duft. Die erste Übung, die sie bekam, war die Teegeräte zu polieren. 

Ich putzte gerade den Boden von Shuitang, der durch den Regen schmutzig wurde. Sie wollte meine Arbeit übernehmen, so dass ich die höhere geistige Arbeit machen kann. Auch wenn ich putzen hasse, weiss ich, das Putzen die beste Methode ist, den eigenen Dreck von meinem Kopf und Körper auszutragen. Ich liess sie die schönen Teegeschirr und Teedosen polieren. Eine Arbeit, die viel Konzentration und Geduld braucht. Eine Arbeit, wie man mit der Konzentration eigenen „Geist“ überall überträgt.

Die schönen Teegeschirr wurden plötzlich schöner. Natascha machte ihre Arbeit ruhig weiter und ihr Gesicht war fein und friedlich, wir sprachen nicht, weil wir plötzlich das Bedürfnis nicht mehr haben zu sprechen. Ich beobachtete das gut erzogene Mädchen, das in der Ruhe einfach ihre Aufgabe machte – mit Liebe, nicht Leidenschaft. Als Daniel seine Tochter zu mir brachte und sagte, sie würde mir im Laden helfen, habe ich es ehrlich gesagt nicht geglaubt. Man kann vieles versprechen, aber was tatsächlich geschieht ist oft eine andere Sache. Vor allem bei einem jungen Mädchen. Ich sagte nicht Nein, aber auch nicht ein klares Ja. Ich dachte, es manifestiert sich so wie so, wie es sein sollte. Wenn Shuitang es will, will es so sein.

Am vergangenen Samstag waren die kleinen Familie von Daniel bei mir. Seine Frau sagte mir, wie glücklich sie ist, zu sehen, dass Daniel mit mir befreundet ist. Er ist so glücklich, dass er sich mit Tee beschäftigt und so glücklich, als er von Taiwan zurück kam. Ich sah ihr glückliches Gesicht, weil er glücklich ist. Ich spürte die Liebe zwischen den beiden. Ich spüre das Glück, wenn einer den anderen wirklich liebt, weil er sich einfach für den anderen freut. Was für eine glückliche Familie, die vielleicht nach Aussen einfach und bieder aussehen könnte?

Natascha kam tatsächlich seit zwei Tagen. Sie zog sich kurz um und sass ganz ruhig am den langen Antik-Tisch. Patrizia war da und sie kamen sofort zu einem Gespräch. Ich versuchte die beiden zu zeigen, wie man eine Teetasse elegant in der Hand hält, ohne angespannt und nervös zu wirklich. Sie waren verblüfft begeistert. Dann kam die Irene, die mich angeblich endlich kennen lernen konnte, weil sie seit langem das Blog liest. Sie hat mir gesagt, sie ging schon paar Male an Shuitang vorbei, aber sah mich immer beschäftigt mit anderen Leute. Heute traute sie endlich die Schwelle zu überwinden. In diesem Moment war ich von ihrer Direktheit und Zuneigung sehr berührt. Ich spüre eine Art von Demuth, ein Gefühl, das meinem Leben in wahrsten Sinn des Wortes widerspiegelt. Dieser Shuitang ist von vielen vielen Menschen getragen, nicht von mir. Ich weiß, wie hilflos und schwach ich in der Wirklichkeit bin.

Aber Irene kam nicht wirklich wegen mir. Die heute frisch angekomende Jadekanne hat sie gerufen. Sie war sofort verliebt in dieser feine Kanne, die unter dem Licht leuchtend grün schimmert! Die Jadekanne will mit Irene nach Hause…

Natascha übt ihre erste Lektion mit Tee. Ich übe meine Lektion mit Leben. Das Leben ist eine Baustelle. Ich übe, stolz sein ist nicht stark sein.

 

 

日日是好日 Jeden Tag ist ein guter Tag

Jeden Tag ist ein guter Tag. Jeden Tag ist ein anderer Tag!

Mein Großvater sass oft in seinem großen Stuhl, trank seinen Muzha Tie Guanyin und betrachtete alles mit einer Gleichgültigkeit. Für ihn war es wohl, jeden Tag ist ein guter Tag. 

Ich erbe eher die Laune und Temperament meiner Großmutter, reagiere oft auf Ereignisse mit Leidenschaft. Das Leben richtig zu leben und selbst zu werden führen für mich nicht an dem Weg vorbei, Schmerzen und Verletzungen zuzulassen. Das Problem für mich ist – jeden Tag ist oft nicht ein guter Tag.

Shui Tang zwingt mich genau es zu erleben, dass jeden Tag ein guter Tag ist. Eine Gleichgültigkeit, die mich von Urteilen und Meinungen befreit.

Es waren Supertagen, direkt nach meinem Geburtstag. Wenn es jeden Tag so wäre, könnte Shui Tang gut behaupten. Kunstsammler waren bei Shui Tang, sie haben die schönen Dinge bewundert und abgeräumt. Es war interessierte Menschen mit inspirierenden Gesprächen. Als ich meine Schätze auspackte, war das Haus voller Euphorie und ein Glück strömte in jedem Gesicht. Ja, Schönheit ist das Zaubermittel, Menschen zu beglücken. Nicht das Besitzen, sondern das Teilen und anfassen, bewundern, austauschen…

Manchmal kommt ein angemeldeter Profi zu der Degustation vorbei. Dann können wir tatsächlich eine Zeitreise unternehmen. Die Fahrt nach Alishan durch Nebel und hohen Wälder, durch die Zeit und durch die Reifung. Staunende Gesichter, glückliche Augen und unvergessliche Zusammenkunft.

In solchen Momente weiß ich, ja, ich mache die Dinge, die mir Freude machen – und es ist gut so.

Aber machmal kommt jemand, der Dir von Anfang an sagt, er trinkt bis jetzt Darjeeling und sie hätte gerne Lapacho. Ich kann mich nur entschuldigen, dass sie vielleicht zu einer anderen guten Adresse wie Schwarzenbach gehen könnten. Dort werden sie bestimmt sehr gut bedient. Als sie unglücklich wurden, wußte ich, dass ich sie mit Düfte von Oolong doch verführen konnte.

Man kann andere Menschen erst ein Wink geben, wenn sie mit ihrem HABEn nicht mehr zufrieden sind. Man kann auch andere Menschen weiter helfen, wenn sie selbst artikulieren und nach dem Gründe oder Alternative fragen.

Die Schätze von Shuitang können sich erst offenbaren, wenn der andere bereit ist, weiter zu gehen.

Das gilt ähnlich wie bei Tee. Nicht jeder kann gleich mit Baxian anfangen, nicht jeder kann mit Benjamin Button (Alishan 2004 -inzwischen heißt dieser Tee so in Shuitang) befreunden.

Manchmal kann man mit jemandem sehr nah werden, wenn beide es zulassen. Manchmal kann man immer nur das gleiche wiederholen, bis die Zeit sich wieder ändert. Ich habe nichts zu beurteilen. In Shuitang bediene ich jeden so, wie es ist.

Dann kommen manchmal Allwissender und Künstler, die bereits alles kennen. Sie sprechen mit Dir auf einer selbstdarstellerischen Art, manchmal um Dich zu prüfen, machmal um einen Kontakt mit Dir zu schaffen – ich bemühe mich nicht zu beurteilen über diesen Menschen, nur meine Wahrnehmung zuzulassen. Auch ich kann lernen, Menschen immer weniger zu beurteilen und immer mehr sein zu lassen. Vielleicht findet man gemeinsam auf eine Ebene, wo man erneut miteinander richtig kommunizieren kann – aufeinander einzugehen anstatt von sich zu reden. Das gelingt nicht immer, aber ich kann es lernen.

Die Degustation mit Herrn Schwander vor einigen Monaten war eine einmalige Erfahrung. Das, was er mich tief im Herzen berührte, war nicht sein Können, sondern seine Persönlichkeit. Er sagte mir, je mehr er sich mit Wein beschäftigt, desto weniger versteht er ihn. Ich sagte damals zu ihm, ich habe ein großes Vorbild für meinen Weg gefunden.

Als der Mann, der in Shuitang lange verweilte, alles angeschaut und mich prüfte aus der Tür austrat, fragte ich mich, ob ich früher nicht auch so wie er mit Negativität und Selbstinszenierung in anderen Laden „begutachte“? Ich beobachte die Menschen und frage nach mir selbst. Wie war ich und wie bin ich? Wer bin ich?

Wo kann ich anfangen? Wo soll ich aufhören? Inwieweit kann man mit diesem Gegenüber tiefer gehen? Was habe ich überhaupt zu geben? Ich lerne, Menschen zu respektieren, nicht zu beurteilen. Jeder ist auf seinen eigenen Weg Richtung Glück und Erfolg. Ich bin nur einfach da, mehr nicht.

Jeden Tag ist langsam ein guter Tag.

 

Einladung zur Einweihung

Einladung zur Einweihung

Heute Nacht kann ich nicht schlafen. Was mich begleitet, ist Gedanke. Gedanke, die sich um Kreis drehen und mich nicht loslassen. Nach dem Aufstehen begleitet mich nun eine Tasse Dianhong.

Ich denke an die Einweihung und an das, was alles fertig gestellt werden muss. An die Rede, die ich wohl halten muss, an das Programm und an das Opiumbett und an seine Kissen…

Ich drucke die schönen Karte mit Vorsicht – das entspricht gar nicht meiner Natur (!) und falte sie mit großer Aufmerksamkeit (noch weniger …). Die gefragten Gäste in Shui Tang nahmen ganz vorsichtig die schöne besondere Karte entgegen. „Es ist uns eine Ehre…“ ich höre es seit zwei Tagen. Der beste Lob an Helden, die mein Text korrigierten, an Chragi und an Ursula!

Ach, diese Mühe… 

Mit H plane ich das Programm. Ich bin so dankbar, so einen tollen Mentor haben zu düfren und tolle Freunde wie Teresa, Hitomi und Christoph, die Shui Tang unterstützen und ihre Performanz präsentieren werden. 

Wie viele Leute sollen kommen? Ich wurde mit dieser Frage konfrontiert. 

Wenn es nach mir, eine Person, die durch und durch von der chinesischen Chaos-Theorie gesprägt ist, gehen sollte, würde ich sagen, so viel wie Kosmos mir schickt. Mein Mentor schüttelte seinen Kopf. Er sagte mir, wir sind hier in der Schweiz. Die Leute haben nicht gerne eng in einem Raum zusammen zu hocken. Außerdem – wie ist mit den Gläser und Tassen und dem Kulinarischen… Es muss organisiert sein, liebe Menglin!

Warum denn? Wie könnte ich jemanden wegschicken, der sich Mühe gibt und den Weg auf sich nimmt? Jeder hat doch freie Willen, nicht wahr? Wenn es einem wichtig ist, dabei zu sein, die Zusammenkunft geniessen zu wollen, dann würde er sich Mühe geben. Wenn es einen wichtiger ist, viel Raum für sich zu beanspruchen, dann würde er den Raum verlassen. Es ist doch auch durchaus in Ordnung – ich bin bestimmt nicht beleidigt. Jeder bekommt das, was er will. Warum soll ich mit meiner Hand dabei etwas steuern und blockieren? Ich hätte große Mühe, Menschen vor der Tür abzusetzen, die freiwillig kommen!

Ich respektiere die selbst manifestierten Dinge.

Warum sollte es perfekt sein? Das macht doch kein Spass.

Why not?

Es wird sich selbst manifestieren, oder? – So denke ich eigentlich immer. Man kann das Leben nicht durch und durch organisieren. Auf viele Frage bekommt man einfach keine Antwort, die sich nur durch Taten und Zusammenhänge manifestiert, anstatt mit Kopf zu klären. Außerdem ist unser Handeln meistens sehr unbewußt und von bestimmten Trieben gesteuert. Um Rästel zu „erraten“ kann man oft nur anhand den manifestierten Taten ablesen anstatt zu spekulieren.

Mein Mentor schüttelte noch einmal seinen erfahrenen Kopf. 

Also, auch wenn ich sturr bin, habe ich das Verständnis von meiner Beschränkheit und lerne Vertrauen in Menschen zu haben, die gut mit mir meinen. Also, die Einladung wird abgeschickt und die Teilnahme ist per Anmeldung organisiert. In einer perfekt funktionierten Uhrwerk-Gesellschaft wie hier, muss man weit vorraus planen. Hier geht ein anderes Denken und Handeln – ich bekomme noch meine Lektion.

Trotzdem fällt es mir schwer, herzlichen und Mühe gebenden Menschen vor der Tür stehen zu lassen. Freunde würden diese Aufgabe für mich übernehmen, sagten sie. Ich lachte katzenhaft. Mal sehen.

Müssen, Wollen und das Lebenstrom

Shui Tang ist seit zwei Wochen im Betrieb. Es war eine trubelente Zeit in jeglicher Hinsicht. Ich habe das Glück vor vielen Freunden weinen zu können, bei vielen Freunde meine Sorgen erzählen zu können und über mich selbst lachen zu können.

So wie Shui Tang heute steht ist nicht meine Leistung. Es steckt viele viele unsichtbare Helden dahinter. Oft wurde ich gefragt, ob ich nich stolz auf das Teehaus bin. Stolz auf etwas sein? Das Gefühl kenne ich nicht. Ich weiß, ich „muss“ Shui Tang nicht tun, ich will es einfach. Ich will es und tue es einfach. Ich fühle mich dabei nicht als etwas Besseres. Ich habe nicht vor Menschen zu erfreuen oder zu gefallen, ich bin einfach da.

Ich sehe Menschen kommen und gehen. Machmal kommt welche kritische edele Dame, die mich ganz kritisch unter die Lupe nimmt, nach etwas Bestimmtes sucht und bei Shui Tang nicht findet. Ich bewege mich nicht. Shui Tang muss niemanden gefallen. Shui Tang ist einfach da. Es ist einfach da für Menschen, die es schätzen. Ein „Müssen“ erzeugt eine Abhängigkeit. Aus einem „Wollen“ entsteht eine Freiheit – für sich selbst sein.

Zwei Todesfälle, ein Krankheitsfall und dann eine Hochzeit habe ich in letzter Zeit intensiv erlebt. Das Leben treibt mich in einer Richtung, vor der ich beängstigt begegnete. Sehr oft dachte ich, dass das Kosmos (der Gott) mich verlassen hat. Später erinnere ich mich wieder, dass das Kosmos immer mit mir in Eins ist. Oft spüre ich mein inneres Selbst nicht mehr, erledige nur die Dinge, ich funktioniere bloss… Bis es mir klar wurde, ich kann nicht gegen etwas kämpfen, nur für etwas.Ich spürte mein Feuer nicht mehr, irgendetwas wurde zu viel zugelassen, was mir nicht gut tut.

Einmal unterhielt ich mit Atong und Onkel Zhong. Onkel Zhong war ein Big Boss von Textilien-Industrie. Seine Geschichte erzählt er nie. Wie ertägt er, immer im Hintergrund zu bleiben und diesen kleinen Laden täglich zu hüten? Die beiden alternden Männer sagten mir, „Nur um selbst treu zu sein. “ Sie suchen keine Anerkennung, wollen nur Freude, Freude an Tee, Freude an Teilen mit Freunden.

Die Geschichte mit Shui Tang ist gleichzeitig mein Selbstfindungsprozess. Ich sehe, wie ich meine Umgebung „beseele“ und von meiner Umgebung „beseelt“ werde. In diesem Eins-werdenden Prozess erkenne ich mein inneres Feuer wieder, das lichtvoll brennt, auch wenn ich es nicht wahrneme. Ich spüre das Lebensström wieder so stark, dass ich fast weine. Auf der Zugfahrt an den Bodensee ertaunte ich wieder die saftigen grünen Wiesen, die lässigen Kühen und die feuchte Luft. Die Blumen wollen mich nicht unbedingt erfreuen, sie sind einfach nur da. Alles geschieht von sich selbst – durch das Lebensströmen.

Eine neue Welt

Es ist interessant die Welt durch die Augen eines Kindes zu betrachten.

Georgia kommt oft ein bisschen später in den Laden, weil sie dachte, sie würde andere Leute mit ihrem Kind stören. Wenn sie allein im Laden sind, dann putzt das kleine Alkyoni meinen Holzboden. Alkyoni hat die Fähigkeit unsere Welt mit natürlichem Geist zu entdecken. Sie fasst alles an, riecht an dem Gegenstand und dann beisst! Wenn wir in der Ruhe eine Tasse Tee trinken möchten, müssen wir dem kleinen auch etwas geben. Heute gab ich ihm ein Stück Kampfer-Holz zu spielen. Das Holz bekam ich von einem Mönch, der sich als reichster Mann auf der Insel fühlt, weil er viele viele wertvolles Holz aus dem Wald Zentral-Taiwans lagert.

Alkyoni biss fröhlich an das Holz. Es ruschte und saugte, als ob es die Kraft aus dieser sub-tropischen Insel erhielt, für sein Wachstum.

Ein Kind folgt seinem Unterbewußtsein, bzw. sein Bewußtsein. Bei denen ist es alles noch nicht so getrennt wie wir. Es lebt im Moment, im Hier und Jetzt. Ich beobachte gerne wie Kinder diese Welt entdecken und wie sie ihre Gestik und Handlungen ihren Bezugspersonen nachahmen. Ein Kind zuzuschauen ist ähnlich einen Tee zu trinken, wie einen gelagerten Tee.

Bei einem gelagerten Tee, dessen Zugang schwer ist, fehlt oft den Teeliebhaber die Information wie es einmal sein kann. Wie könnte man beurteilen, ob dieser gelagerte Tee, der auch einmal gut war. Es ist wohl einfacher bei einem Kind, von dem man die Spuren der Eltern ahnen kann und die Dynamik einer Struktur erraten kann. Bei einem Tee, der ein anderes Modus spricht, uns schwer fällt, ihn zu verstehen.

Roger und Alberto waren heute zum Tee und brachte die schöne Einladung für die Einweihung Shui Tangs. Ich dachte intuitiv, der Alishan 2004 dufte Alberto schmecken. Ein Tee, der mich an ein Kind errinnert, wie ein Kind die Welt kündigt. Ein Kind kündigt unsere Welt mit seinen Sinne aus Intuition. Und vor einem gelagerten Tee ist man praktisch wie rausgeschmissen und kann nur mit Intuition arbeiten. Aus einem Kind kann man die Spuren der Eltern lesen, aus einem gelagerten Tee liess man die Spuren des Millieus, wo er einmal war.

Die Düfte fesselten die Entdecker. „Was ist das? Was für einen Duft? An etwas erinnert er mich?“ Ich schwieg und beobachte. Ich sah die Bilder zwischen den Anwesenden, die in ihrem tiefen Garten nach ihren Bilder suchen. Was dieser Tee ihr Inneren berührte, bildete die Spannung am Tisch. Alberto war beeindruckt.

Wenn man einmal etwas loslassen kann, ist man plötzlich leichter und frei. Ich habe langsam wieder meinen Rythmus und bemerkte es heute in meinem Gang durch den Neumarkt. Eine „Laobanian“ in Shui Tang kann nur ihre Gäste bewirten, wenn sie ihren Wunsch lesen kann. Nach paar Tagen Übungen kann ich die Kasse immer besser bedienen und die Gäste waren immer wieder entzückt von dem Erlebnis des Tees in Shui Tang. Heute sagte eine junge Dame zu mir, „Was für ein Erlebnis!“

Was für ein Erlebnis? Dieser Anfängergeist macht ein Geschehen zu einem Erlebnis!

Doko, Dare!

Jedes Jahr suche ich nach Fancy Oolong. Eigentlich ein total banaler Oolong, der in jedem Teeladen angeboten wird. Aber solche Fancy suche ich eben nicht. Einen bestimmten suche ich. Immer nur einen bestimmten.

Mit Aton habe ich schon längst gesprochen, viele „toten“ vergessenen Oolong wieder zum Leben zu erwecken. Ich bin der Meinung, dass wir durch Shui Tang etwas in Bewegung sezten können, in der Teewelt, Dinge zu beleben um gegen die Zeit zu rennen. Ich habe die Vision, Aton hat das Wissen. Wissen ist ein Code, ein Code zur Vergangenheit, zur Gegenwart und zur Zukunft – zur Macht.

Früher haben die Araber den Zaubersatz „Sesam öffne Dich!“ gebraucht, um vergessenen Schätze wieder zu entdecken. Was ist denn das moderne Zauberwort unserer Zeit zu Schätze, die unsichtbar ist und doch unser Leben entscheidend prägt?

Aton schickte mir einen Fancy und sagte, dieser Fancy kann nur von Aming gemacht werden. Aming sei der einzige, der diesen Tee machen kann. Ein Jahrgangsfancy ist rar, denn Fancy Oolong ist für Export bestimmt, er war der „Formosa Oolong“ vor Hundertjahren! Dieser Tee ist heute ein Blend von verschiedenen Jahrgänge, die zusammen noch einmal erfrischt werden und ins Ausland verkauft. Kein Wunder, dass dieser Tee ins Verruf geraten ist. Aton und ich wollte aber ein Fancy, der noch wie vor 100 Jahren schmeckt. Das bedeutet, das Material aus einem halb verwilderten Garten, aus reifen Blätter und aufwendige lange Fermentation ohne Klimatisierung…

Dieser Fancy schmeckt keineswegs wie der in Europa gewöhnte Fancy! Frisch, blumig, fruchtig und honigsüss! Sein Aufguss weicht meine Zunge und fliesst einfach in die Kehle. Der lange süsse Abgang erinnert mich nur an Honig von Longgan-Frucht! Seltener Tee mit seinen außergewöhnlichen Aromen! Doko! Dieser Tee hier ist der Tee, den wir wollen!

In Shui Tangs Visitenkarte ist Dokodare QR-Code sehr dominant. Viele Freunde haben mich gefragt, wozu! Ich konnte in jenem Moment nicht beantworten. Denn ich erahnte dort etwas, was mich schon immer berührt, aber nicht artikuliert werden kann. Wozu Dokodare? Wie kann eine moderne Technik mich so berühren?

Doko – wo, Dare – wer. Eine Verortungshinweise. Mit Shui Tang haben Roger, Chragi und ich ein Experiment vor. Wir möchten das Wissen des Tees verschlüsseln. Jeder Tee in Shui Tang bekommt ein QR-Code – Dokodare. In diesem Code ist alles um diesen Tee verschlüsselt.

Wissen ist heute demokratisch geworden, nicht wahr?

Aber ist es tatsächlich so?

Gibt es keine Geheimlehre mehr?

Man kann alles im Internet finden, nicht wahr?

Schätzt Du deswegen mehr das Wissen, was Du übers Netz einfach so erhalten hast?

Oder kopierst Du es weiter und paste es weiter irgendwo?

QR-Code ist der Satz, der früher Alibaba zu seinem Schatz führte. QR-Code ist der moderne „Sesam, öffne Dich!“. Ja, das wollen wir schaffen, jeder Tee in Shui Tang wird durch Q-Code vermittelt und das Wissen um diesen Tee ist ein Geheimnis, das man entweder sich die Mühe macht, nach Shui Tang zu laufen oder das magische QR-Code einscannen sollte, um das Wissen zu erlangen!

Wo ist dieser Tee? Was ist dieser Tee? Wer steckt hinter dieser Tee? Weltweit kann man, wenn man das QR-Code kennt, erhalten den Zugang zu diesem Wissen, das wir mit Sorgfalt irgendwo in dem Cyberspace aufbewahren… 

Wissen ist ein Schatz. Ich teile gerne meinen Schatz mit Interessierten. Unsere Gesellschaft hat allerdings eine Krankheit: wir leben im Wohlstand, darum fallen alles auf unser Schoß. Mit Geld können wir alles kaufen, nicht wahr? Wann gibst Du Dir Mühe, um das Wesentliche zu verstehen und auch dafür zu erhalten?

Dokodare von Shui Tang.

Qcode

Fancy Oolong Nostalgie wird auch ein QR-Code erhalten über seine Geburtsdaten, seine Gegenwart und vielleicht auch seine Zukunft!

 

Die erste Woche

Ich fühle mich eigentlich noch recht frisch und jung, aber wegen Shui Tang wurde ich plötzlich Laobannian – auf Chinesisch die Chefin. Diese Bezeichnung hat eine leichte abschätzende Färbung. Vor allem das Wort Lao – alt, passt mir überhaupt nicht.

Na, wie waren die ersten Tage als Laobannian? Das war die Frage vieler neugierigen Teefreunde! Anstatt an allen zu beantworten, schreibe ich hier, wie ich erlebte.

An dem ersten Tag war ich sehr nervös! Ich wußte einfach nicht, ob ich etwas falsch mache und vergesse! Natürlich passierte das auch, was nicht passieren sollte. Die Kasse konnte ich nicht richtig bedienen und den Teepreis konnte ich nicht auswendig! Viele Fehler, viele Ärger mit der Technik. 

Meine Nachbaren verstehen nicht, was ich so mache. Meistens sitzen Leute an dem alten Antik-Tisch. Sie schwatzen, tranken und wollten nicht nach Hause. Mein werter Nachbar fragte, „Menglin, was macht Ihr denn ganzer Zeit? Ist es so in Deinem Business?“ Ich nickte meinen Kopf.

Am ersten Tag besuchten mich viele Freunde aus Taiwan und brachten mir schöne Orchideen! Sie sollen mir Glück bringen!

Unerwartete Freunde, zum Beispiel die liebe Esther aus Hamburg, inzwischen hoch schwanger, hat mich richtig überrascht! Dann lerne ich Georgia und ihre Tochter kennen, meine treusten Kunde, die jeden Tag kommen – Mathias sagte, seine Frau sei bereits abhängig. Ihre kleine Tochter sitzt am liebsten auf den Boden und putzt immer Gratis für mich den Holzboden. Ohne die beiden wäre Shui Tang farblos.

Ich erlebte wie unbekannte Menschen nebeneinander plötzlich Bekannte werden, wie die Augen der Menschen durch den Duft des Tees leuchteten und wie wir plötzlich ein Teil von Shui Tang wurden. Shui Tang ist eben nicht ein Laden, sondern ein Treffpunkt, eine Verortung vielen Menschen, die Dinge in Frage stellen und nach dem Wesentlichen des Lebens suchen. Endlich haben wir uns getroffen!

Das Wichtigste ist natürlich der Umsatz! So materialistisch bin ich zum Glück noch! Also ich finde, der Umsatz sollte besser werden!

Vortrag von Aton über Düfte und Aromen von Oolong

Wenn mein Lehrer Aton schon einmal nach Europa reist – das erste Mal seines Lebens, muss er wohl richtig etwas tun! Er sagte mir im Telefon, er habe sich bereits an mich verkauft, als die Reise entschieden wurde! Hoffentlich mit einem guten Preis…

Seine Frau sagte, er habe weiche Beinen, also, er reist nie und wandert nie gerne. Wenn er überhaupt wohin geht, dann immer Teeplantage oder in die Bergen, wo Tee wächst… Diesmal kommt er nach Europa natürlich auch wegen Tee! Denn das Teehaus Shui Tang in der Schweiz wird am 29.08 offiziell eingeweiht!

Am 27.08 Donnerstag um 19 Uhr möchte Aton gerne die Düfte und Aromen von Oolong in Zürich zum Publikum sprechen lassen!

Kennst Du Oolong nur in grünen, lieblichen und leichten Form? Dann wird dieser Abend voller Überraschung sein! Die Welt des Oolongs ist Farbe!

Chen Huangtang 陳煥堂 aus Taiwan

Vortrag mit Teedegustation

Düfte und Aromen von Oolong

Übersetzer: Meng-Lin Chou

Am Donnerstag 27.08.2009 um 19 Uhr

Anmeldung erforderlich.

Die Organisation dieser Veranstaltung ist nun von Teeclub Schweiz übernommen.

Telefon: 044 / 776 18 08

info@teeclub.ch

 

Shui Tang in NZZ

Shui Tang in NZZ

Es ist ein entzückender Artikel. Es waren zwei wunderbare Begegnungen zwischen drei Menschen.
Shui Tang habe eine Spannung durch den Schaufenster aufgebaut und erwecke die Interesse eines Journalisten mit einem guten Riecher. Philipp studierte einst ostasiatione Kunstgeschichte und ist heute Journalist für Kunst und Kultur bei NZZ. Eigentlich hatte ich nicht immer gute Erfahrungen mit Journalisten, die im Grund genommen bereits fertige Storys hat und ihr Konzepte einfach bestätigen lassen wollen oder durchziehen. Sie leben selten im Hier und Jetzt. Die Begegnung mit Philipp war mehr als eine Überraschung. Wir teilen gemeinsame Interesse und die Liebe zum Tee. Ich schrieb ihm, ich habe mich sehr gefreut, einen Teeliebhaber kennen gelernt zu haben!

Zwei Tage später kam Sandra, ein unbeschriebenes Blatt in Sache mit Tee. Sie war von Anfang an fasziniert von der Schönheit der Teekunst. Viele Dinge müssen nicht ausgesprochen werden, um auszutauschen. Ich liess mich von Ihrer Begeisterung begeistern und bekam plötzlich das Gefühl, es ist doch richtig, was hier in Shui Tang geschieht!!

Es ist anstrengend, Shui Tang aufzubauen. Ich habe mich inzwischen viele neuen Neurose angewöhnt: jedes Mal bevor ich nach Hause gehe, schaue ich mindest drei Male, ob ich alle Fenster verschlossen habe, das Licht im Keller ausgeschalten habe und und und… Ich machte eine Checkliste, die mir jeden Tag vorschreibt, was ich nicht vergessen darf! Wenn ich gewußte hätte, was auf mich zukommt, hätte ich meine Finger weggelassen – vielleicht.

Doch es wächst. Und es entwickelt sich. Gestern kam der Jürgen, der vor einer Woche bereits da war, und mir sagte, „Was gibt es Neues?“ – wann ist denn eigentlich so weit?

Heute kamen bereits einige Besucher wegen dem Bericht von NZZ. Allen sagten zu mir – eigentlich hätten sie zu Ursula und Markus sagen müssen – „Was für einen schönen Laden!“

Der Bericht von NZZ über Shui Tang „Ort des schönen Wassers“.

Ab nächsten Mittwoch – ich habe mir ein Deadline gesetzt, ist Shui Tang wirklich OFFEN!