Archiv der Kategorie: Klatsch am Teetisch

Da Hongpao 大紅袍

Gestern kam ein unerwateter Gast. Ich lernte ihn in einer Reise nach Anatolien kenne. Ich Mitte Dreißig und er Anfang Siebzig. Das Alter spielte dabei keine Rolle und wir empfanden uns gegenseitig sympathisch. Während der Reise erzählte er mir von seiner Geschichte. Als Flüchtlinge über Westberlin ist er vor DDR Regime geflohen. Er bezeichnete sich als ein linker Christ. Manchmal verlief das Leben wie man nicht erwartet, landete er in der Schweiz, ein Land der von Schweizer selbst als eine amerikanischen Filiale bezeichnet ist…
Damals verlor er gerade seine Frau. Eine aufrichtige korrekte schweizer Lehrin, die immer tapfer war und gegen die von Männer dominierte Welt kämpfte. Er wirkte einwenig melancholisch, ein bisschen bedürftig, aber sehr lebensfreudig. Er genoss sein Leben, das er noch lebt. Er tanzte mit der Bauchtänzerin, trank türkische Schnaps und kaufte mit Freude Teppiche.
Gestern war er anders. Er erzählte mir von seiner neuen Liebe. Eine Spur von Stolz zeigte er, „ weiß Du, Menglin, in meinem Alter bedeutet Liebe etwas anders. Ich kann diese Frau noch intensiver lieben als ich noch 17 war!“ Ich nickte und lächelte. Das Wasser fing an zu kochen. Einen Da Hong Pao 大紅袍 wollte ich aufgießen. Plötzlich wendete er seine Erzählrichtung. „Weiß Du, Menglin. Meine Frau erzählte mir am Sterbebett, dass unser einziger gemeinsamer Sohn nicht mein Sohn sein sollte! Wie konnte sie mir so etwas erzählen?“ Die Luft war kalt, aber das Wasser kochte. „Natürlich ist er mein Sohn!“ Ich glaubte seine tränenden Augen zu sehen. „Für mich spielt es doch keine Rolle. Er ist mein Sohn.“ Seine Stimme war doch sehr ruhig „ich pflegte und begleite sie bis der Tod sie holte. Ich spürte in mir kein bisschen Zweifel, dass ich meine verstorbene Frau und meinen Sohn liebe. Das spielt überhaupt keine Rolle. Sie hätte es mir nicht erzählen müssen. Ich glaube, dass sie an diesem vermeintlichen Geheimnis gestorben ist.“ Der Sohn, der in der Wahrheit keiner ist, ist in der Wirklichkeit sein Sohn. Was ist denn Wahrheit, Ehrlichkeit und Offenheit? Ich war selbst Opfer dieser Moral und wusste, was die Moral der Ehrlichkeit und Offheit vieles und sich selbst zerstören könnte.

Zuerst wärmte ich die Kanne auf und fügte Blätter hinein. Der Duft stieg in die Nase und füllte den Raum. Der Aufguss ist hell und klar. Wir tranken schweigend den Da Hongpao, der das Spannungsfeld überbrückte. Der Duft erinnerte mich an Orchideen. Orchidee war die Lieblingsblume meiner Oma, die verschiedenste Sorte in unserem Hof pflegte. Sie beschimpfte und erpresste sie, wenn sie nicht blühen wollten. Sie sprach und pflegte sie, als ob sie sich verstehen konnten. Nach ihrem Tod wurden die Blumen stumm. Irgendwann landeten sie alle in Mülleimer, als meine Mutter das Kapital mit ihrer schwierigen Mutter beendete. Der Duft der Orchideen und meine Kindheitserinnerung. Der Tee ist ausgezeichnet gut! Blumig, elegant und unaufdringlich. Eigentlich habe ich wenige Erfahrungen mit exzellentem Da Honpao, aber dieser Da Hongpao war zufällig da, als er mir von seinem Herzen erzählte. Das ist bestimmt ein guter Tee, der in innerste versteckte Ecke unseren Herzen so viele Bilder und Gefühle herausholte. Ich verstehe Roger, wenn er sagte, als ob Baiye Dancong in ihm Filme hervorrufen könnte.

Irgendwann stand er auf, gab mir auf der Wange Küsschen. Ich ging zurück zum Schreibtisch, als er dort verschwand, wo er herkam.

Yoshino Dayu 吉野太夫

Wann blühen endlich die Kirschblüten? Kommen sie wohl dieses Jahr nicht?

Ganz zufällig erfuhr ich, dass der Teelehrer Herr Staufenbiel in Nürnberg bereits einen ausführlichen Beitrag über Yoshino Dayu befasste – http://www.teeweg.de/nletter-arch/april05.html.
Wer ist eigentlich Yoshino Dayu? Warum könnte so eine edele „Geisha“ oder „Kurtisane“ in die Teegeschichte gehen?

Dayu war zwar eine Art von Entertainerin, die gegen Bezahlung ihre Klienten amüsiert – mit ihrer künstlerischen Fähigkeit, aber oft talentiert und mehr verehrt als Hofdamen und edle Frauen. Sie suchten ihre Klienten aus und konnten manche unangenehme Gäste ablehnen. Wenn sie in der Stadt bummelten, waren sie das Zentrum des Geschehens, was Neid, Bewunderung und Begehren hervorriefen. Bekannte Dayuname werden zum Titel und weiter vererbt. Z.B. Yoshino Dayu wurden zu 10. Generation weiter übermittelt. Dayu wurden oft von Fürstenhäusern geworben bevor sie 30 wurden und eingeheiratet. Solche Vergenügungsviertel, wo Kurtisane sich aufhalten, boten die einzige Rahmen für aristokratische Männer, ihre Liebe und Leidenschaft auszuleben. Die Geschichten, wie ein Mann Dayu umwirbt und seine Liebe ausdrückt, lieferten beste Stoffe der japanischen literarischen Werke. Legendäre chinesische Schriftstellerin Zhang Eiling schrieb diese ähnliche Tradition in China (die Tradition dieser Art der Unterhaltung stammte aus altem China, Liuchao) im Vorwort ihres Romans „Haishanghua“, dass solche Viertel der einzige Ort für Männer in China war, sich verlieben zu können.
Yoshino Malerei
Eine Malerei von Yoshino Dayu

Yoshino Dayu (1606-1643)吉野太夫 hat mehrerer Legende hinterlassen. Einmal wurde erzählt, dass ihre Schönheit nicht nur edle Männer berührte, sondern auch kleine Menschen. Ein junger Schmied verliebte sich ins Geheim in die schöne Dayu. Er sparte und sparte, um nur einmal in ihre Nähe zu kommen. Das Problem lag nicht an dem Geld: um eine Nacht mit einer Dayu zu verbringen, kostete nicht nur Vermögen, sondern auch das soziale Kapitel. Woher hat der kleine Schmied, die Bildung, die Beziehung und den Zugang in die Nähe von Yoshino zu kommen? Er wurde tot krank und es wurde als Witz weiter erzählt. Yoshino hörte diese Erzählung und wurde von dem Leiden des jungen Manns triefst berührt und wollte ihm helfen. Es war die Kirschblüte zeit. Sie wollte den tot kranken jungen Mann zum Leben erwecken, indem sie mit ihm eine Nacht verbrachte. Ihre Tat wurde als Ausdruck des Bodhisattva-Geistes (Mitgefühl) verstanden und respektiert.
Der junge Schmied, der seinen langjährigen Traum erfüllte, verliest Yoshino am nächsten Frühlingsmorgen. Er warf sich in den von Kirschblüte gefüllten Fluss und beendete seinen Traum.
Er wusste wohl, dass er wie die Kirschblüte nur einmal im Leben blüht?

„Die Kirschblüten blühen hier wunderschön, 此地花好
aber wenn ich mich an das Blütemeer in Yoshino (ein berühmter Ort für Kirschblüte bei Nara) erinnere, 遥想吉野
waren die Kirschblüten dort unvergesslich anmutig!“ 樱花更璨烂
Yoshino Dayu

Ein (Bio)Tee für eine bessere (Um)Welt?

Ich möchte mich zuerst bei Marc bedanken, dass er uns das Problem des Geschäft mit dem „schlechten Gewissen“ mittels eines Gedichts veranschaulicht. Sicher hat Suzanne Recht, dass es nur ein erster Schritt ist, mit Handel unsere Welt zu verändern. Solange die Struktur unseres Welthandels toleriert wird, werden immer kleine Menschen leiden. Der Ministerpräsident Oettinger von Baden Württemberg hat auch Recht, den Lohn des älteren Arbeitsnehmers zu kürzen. Die Jugend und die Gesellschaft brauchen Zukunft und wir wollen alle keine Revolution, darum fangen wir am besten an, den Lohn vom Herrn Oettinger zu kürzen. Das löst die Problematik unserer Gesellschaft leider auch nicht…

Ist ein Bio Tee ein Tee von traditioneller Anbausweise? Nicht unbedingt. Viele Teebauer in Taiwan bauen ihre Teepflanzen neben Gemüse und süßen Kartoffeln. Die Kartoffel und Gemüse saugen die meisten Nährstoffe, so dass die Teepflanzen ihre Wurzel ganz tief in die Erde einschlagen müssen. Die Pflanzen werden dadurch kräftiger, aber sind nicht ertragsreich. Die Blätter sind lederig, kraftvoll und aromatisch. Solche Oolongtee schmecken würzig, aromatisch und die Qualität bleibt stabil. Leider werden solche Tees nur im kleinen Teegarten produziert. Die Menge ist rar und der Preis ist entsprechend hoch. Solche Tees finden ihren Weg selten nach Europa, weil die Großhändler in Europa prinzipiell einmal im Jahr und in der riesigen Menge einkaufen. Kleine Teebauer können sich gar nicht leisten, so einen großen Auftrag anzunehmen. Oder man muss Tee von mehren Teegärten mischen und das ist meistens der Fall. Die Qualität wird unübersichtlicher. In diesem Fall ist ein Bio-Label notwenig, um den Prozess zu kontrollieren.
Manche Leute mögen die Frage bekommen, „kann man überhaupt Dir glauben, wenn Du sagst, dass Dein Tee aus einem traditionellen Anbau ist?“ Der Zweifel ist gerecht. Solche tradtionell angebaute Tees haben allerdings verschiedene Merkmale, die man leicht erkennen kann! Kräftige Blätter, oft leicht liebliche Aroma durch Insektenbiss und intensive Aroma. Der Tee spricht für sich und lügt nicht. Wir wollen leider lieber dem Label glauben als an eigene Erfahrungen (ähnlich wie an dem Arzt und Apotheke glauben als an eigenen Körpergefühl).

Bio

Für eine Massenproduktion oder einen Massenimport ist eine Kontrolle von Bio-Label sicherlich sinnvoll. Das heißt, dass das ein Problem von Massenkonsum und Unübersichtlichkeit der Produktion ist (auch ein Problem von unserer Globalisierung und Massengesellschaft) und nicht von einem raren Tee von genauem Angabe von Herkunft und Produzent. Für Menschen, die keine Zeit verschwenden möchten, mit der Kleinigkeit des Lebens auseinanderzusetzen und lieber Sicherheit haben wollen, ist der Konsum von einem „Bio Tee“ sicherlich richtig. Für Lifestyle ist ein Bio Tee natürlich eine gute Wahl.

Es wäre unserem Leben bereichernd, ich denke, wenn wir lernen, die Sprache des Tee zu verstehen. Ihn zu genießen und zu „liebkosen“ als nur aus der Mode oder wegen der Gesundheit zu konsumieren.

Bio oder Nicht-Bio

Suzanne fragte, was ich von Bio Tee halte. Ich muss vorsichtig meine Antwort formulieren, so dass es kein Missverständnis entsteht. Ich trinke keinen Bio Tee, weil die Qualität des Bio Tees meistens nicht so gut ist, wie der konventionelle. Für mich zählt die Qualität und Herkunft des Tees als die erste Priorität. Wenn die Herkunft des Tees stimmt, der Herstellungsprozess richtig durchgeführt und der Tee ein Bio Tee ist, dann ist dieser Bio Tee sicherlich zu empfehlen. Die Bezeichnung Bio hat für mich keinerlei Bedeutung!
Die Frage ist, wozu brauchen wir die Bio-Bezeichnung? Eine Bio Bezeichnung bürgt überhaupt nichts für den Geschmack und Qualität, sondern sorgt für ein psychologischen gutes Gewissen und einen guten Marktnische.

Nachdem man in Europa langsam über ihre koloniale Vergangenheit und die Ungleichheit der Ressourcen-Verteilung reflektieren können, bekommt man hier zunehmend schlechtes Gewissen über die Ausbeutung von Zucker, Banana und Teeplantage. Tatsächlich sind die Arbeitsbedingungen für Pflückerinnen in vielen neuen Anbaugebiet wie z. B. Assam und Ceylon verheerend und Handelsblatts Bericht über Assam lieferte den beste Beweis: „Armut der Teepflückerinnen schnürt ethnische Unruhe“ (12.03.99). (Die Entstehung von Assam Tee ist ein Spiegel der kolonialen Geschichte! Sie lehnten die Teeindustrie ab und versuchte die Arbeit zu blockieren, so dass Gastarbeiter importiert werden mussten und ethnisches Dilemma gestiftet wurde. Diese Geschichte möchte ich später mit einem eigenständigen Beitrag widmen.) In diesem Kontext ist das Konzept „Fair Trade“ entstanden. Man möchte den Menschen in dritter Welt helfen, indem man für Konsumgüter mehr bezahlt und selbst mit besserem Gewissen weiter in dieser Konstellation lebt.
Solche große Monokultur von Kaffee-, Zucker- und Teeplantage regt steigendes Bedenken in der Öffentlichkeit in den Länden, die sich solche Konsumgüter leisten. Man möchte Genussmittel weiterhin genießen, aber auch gesundheitlich unbeschädigt bleiben. „Bio“ ist ein Trend geworden. Selbst Aldi hat diesen Markt entdeckt und verkauft Bio Gemüse! Es ist fast wie ein Konzept geworden, dass „Bio“ gleich gesund und unbedenklich bedeutet. Für mich bedeuten „Bio“ und „fair Trade“ in diesem Sinne eher eine Markethingsstrategie und ein Konzept als eine Qualitätsgarantie.
In Taiwan, Japan und manche Anbaugebiet in China werden Teegärten überwiegend von kleinen Teebauern getrieben. Das Handwerk wird Generation zu Generation weiter vermittelt.
Teeanbau und Herstellung ist eine Kunst, die nicht einfach angeeignet werden kann. (In Assam importierten Engländer 600 chinesische Kulis aus Singapur und dachte: Chinesen sind Chinesen. Leider waren die 600 Kulis Analphabeten im Teeanbau…) Z. B. in Taiwan leben Teebauer leben gut von ihrem Tee und anderen Produkten. Es sind Familiebetriebe. Darum gehören Formosa Oolong meistens nicht zu billigeren Teesorten und man findet ihn in Aldi nicht. „Fair Trade“ findet beim Formosa Oolong auch keinen Platz! Manche Teebauer, die ich kenne, bauen ihren Tee nach der Tradition. Es sind natürlich eine Art vom „Biotee“, aber ohne europäische „Bio-Siegel“. Oriental Beauty muss z. B. von Insekten befallen werden, die nur im natürlichen Milieu vorkommen und sich vermehren. Die Rede von „Bio“ Oriental Beauty kommt nie vor. Ich bevorzuge diese Redewendung von „traditionelle Anbausweise“ als den leider oft missbrauchten Begriff von „Bio“.

Die Qualität und die Herkunft des Tees stehen für mich im Vordergrund als die drei Buchstaben „Bio“.

Was ist das typische „Schweizerische“?

Heute habe ich Lust einen provokativen Blog zu schreiben. Wer sein Weltbild und sein kulturelles Selbstverständnis nicht gerüttelt werden möchte, sollte hier per Mausklick, diesen Blog verlassen. Es geht nicht um Tee, sondern um das Zusammenleben in einer so genannten multikulturellen Gesellschaft.
Was ist das Schweizerische? Milchkühe, Lusxusuhren von Rolex oder Migros? Für mich ist es typisch schweizerisch, wie ein Schweizer sich gegenüber seinen Mitmenschen verhält und über sich sagt. Die meisten Schweizer würden sagen, dass sie nicht typisch schweizerisch sind und sogar – EUROPÄER sind!

Heute trafen wir uns zum Tee. Zum Schluss waren wir zu dritt: eine Japanerin, die mit einem Schweizer verheiratet ist und ein Schweizer, der aus einem alten Geschlecht in der Innenschweiz stammt und mit einer Japanerin verheiratet ist und ich, die seit 1992 in Deutschland lebt. Die beiden leben in einem von deutschen „Gastarbeiter“ eroberten Finanzstandort Schweiz – Zürich.
Die Japanerin erzählte von ihrer Erfahrungen mit Deutschen in Zürich. Deutsche erscheinen ihr vom Verhalten her eher grob und direkter als Schweizer. Sie habe das Gefühl, dass Deutsche weniger Wert auf die Freundlichkeit als Schweizer legen. Ich lachte und sagte, „ja, nun hast Du einen Kulturschock mit Deutschen. Ich habe auch meinen Kulturschock mit Schweizer!“ Die Ohren wurden steif. Der Schweizer fragte sofort, „Menglin, was für Kulturschock hast Du?“ Ich begann hemmungslos über meine Fremderfahrungen in der Schweiz zu erzählen. Von meiner Beobachtung beim Einkaufen, im Restaurant und auf der Strasse. Schweizer scheinen mir sehr freundlich zu sein, – besser ausgedruckt: sie bemühen sich sehr freundlich zu sein! Diese sichtbare Bemühung im Laden, im Restaurant auch in meinem Bekanntenkreis, freundlich zu sein, sagt mir sehr viel über Verhaltungsmuster und die Moral einer Gesellschaft aus. Ich erzähle weiter von meiner Erfahrungen als Gast bei Schweizer Familie und Freunden, was mir sehr fremd erschien. Ich war im einen Redefluss zu erzählen, sogar über die Welschschweizer über den Röstigraben zu berichten. Die beiden Einwohner aus Zürich konnten es nicht mehr weiter schweigen und sagten, “ Nein! Das kann nicht wahr sein! Das sind deine Erfahrungen! Schweizer sind nicht so! Deine Leute sind komisch, sie sind nicht normal!“, ich erwiderte „Doch, es sind alle „anständige“ Schweizer!“ “ Das kann nicht sein. Du kennst wirklich komische Leute!“ „Wie kannst Du es pauschalisieren, dass Schweizer so order so sind!“ regte der Schweizer auf, “ es sind deine persönliche Erfahrungen, die mit Dir zu tun hat!“ Ich spürte, dass ich mit meiner Ehrlichkeit und Offenheit zu weit gegangen bin und nun stehe selbst plötzlich im Pulverzone. Ich lachte und entschuldigte mich für meine Art des Betrachtens im Gespräch. Ich erzählte nur von meinem Bild über die Schweiz über ihre Gastfreundschaft, Umgang zwischen Menschen und Körpercodes auf der Strasse. Sie erscheine mir als real, weil ich mit meinem Schlitzauge die Dinge anders sehe und anders erlebe. Als ein sichtbarer Fremder lebt an der Grenze des Verständnisses der Gastgeber-Gesellschaft.
Solche Gespräche habe ich paar Male mit Schweizer Freunde ausgeführt. Fast immer bekomme ich Vorwurfe, dass das Problem solcher Erfahrungen an mir liege. Denn sie erfahren so etwas nie! Das gäbe nicht in ihrem Leben und passt nicht zu ihrem Erfahrungshorizont als ein „normaler“ Schweizer. Nach heutigem Gespräch habe ich etwas gelernt, nicht mehr über meine „Fremderfahrungen“ mit dem „Fremden“ auszutauschen. Es überspringt die Grenze eines Erfahrungshorizonts eines „anständigen“ Bürgers! Es ist immer einfacher, das Andere und das Spiegelbild als kurios, komisch und verzerrt einzustufen, als, es als eine Chance, über eigenes Weltbilds zu reflektieren. Es gilt auch für mich. Es wäre zu reflektieren, dass ich meine Erfahrungen nicht zu bewerten und nicht mit Emotion auf sie zu reagieren. Es ist immer schwer, negative und manchmal erniedrigende Erfahrungen mit Distanz zu betrachten. Aber es ist unsere Aufgabe als Mitglied in einer Weltgesellschaft, mit der Reibungen der Kulturen umzugehen. Das Fremde rückt immer näher und wir können diese Entwicklung nicht mehr anhalten. Der Fremde war, der heute kam und morgen weiter wanderte. Heute ist der Fremde, der heute kommt und morgen bleibt.
Das Fremdbild könnte einen Blindwickel unserer Gesellschaft widerspiegeln, wenn wir ihm als eine Chance sehen könnten.

„Geisha“ 藝妓 und Mohamed-Karikatur

Teemeister Ulrich Haas in Freiburg regte sich in einem Rundbrief über die kulturelle Ignoranz des Marshalls in seinem Film „Geisha“ auf und zitiert im Satz von chinesischem Regisseur Chen Kaige „Eine Chinesin kann keine Geisha spielen, es ist eine traditionelle Figur der japanischen Kultur. Aber vielleicht war es dem Regisseur egal.“
Kann Chinesin keine Geisha spielen? Wie konnte ein Brite Sir Ben Kingsley überhaupt Gandhi spielen und einen Oscar gewinnen? In diesem Logik wäre es nicht möglich von Fremdverstehen zu sprechen. Wie kann ein Deutscher oder Schweizer überhaupt Buddhist werden? Das ist ja ursprünglich eine indische Religion… Das Problem von Hollywood liegt nicht daran, dass Chinesin eine Geisha spielen kann, sondern an der Haltung „Schlitzaugen sind Schlitzaugen!“

Die Welt, in der wir uns bewegen, ist beschränkt auf einen kleinen Teil der Erde, wo Handy, Computer, Supermarkt, Pizza, Internet und Bloggen zum Alltag gehört. Es sind Privileg eines winzigen Teils der Weltbevölkerung und keine Selbstverständlichkeit. Wir teilen nicht das gleiche Lebensgefühl, nicht die gleichen Werten und noch weniger die ähnlichen Lebensperspektiven und Hoffnungen miteinander. Meisten von uns sind bedroht von Hunger, Krieg und Hoffnungslosigkeit des Lebens. Das Paradoxe der ganzen Geschichte ist, dass wir in einer Welt leben, in der Globalisierung den Anschein erweckt, dass wir alle Coke Cola trinken und Lewis Jeans tragen. In Züge der Globalisierung rückt das Fremde immer näher, das Leben wird unübersichtlicher und wir befinden uns immer mehr inmitten der Differenzen. Statt mit den Differenzen auseinanderzusetzen beharren wir auf die Bequemlichkeit, in dem wir mit Stereotypen denken – wie oft wurde ich auf der deutschen Strasse als Thailänderin oder Heiratskandidatin angesprochen!

Schlitzaugen sind sowieso Schlitzaugen. Ihnen stehen keine Geschichte, keine Werte und keine Gefühle zur Verfügung. Diese Haltung erinnert mich an den Streit um Mohamed-Karikatur. Als die westliche Welt von Meinungsfreiheit, Provokation und Alibi des islamischen Terrorismus spricht, fragt sich wohl vielleicht jemand, ob es in unserer Welt vielleicht andere Menschen gibt, die andere Vorstellung von Leben, Freiheit und Religion innehaben.

Soshitsu Sen in Berlin
Meister Soshitsu Sen der 15. 鹏雲齋 opferte im Mai 2000 eine Schale am Berliner Mauer.

Alter Teemeister der Urasenke-Schule Soshitsu Sen der 15. 鹏雲齋 musste sein Pflicht an dem zweiten Weltkrieg erfuellen und schlug eine Schale Tee für seine Kameraden, bevor sie ins Kampfflugzeug einstiegen. Nach dem Krieg beschloss er als Friedensbotschafter zu sein. Er wollte Menschen mittels eine Schale Tee diese Botschaft zu verkünden! Tee geht über die Grenze der Sprache, des Territoriums und der Kultur. Durch das Teilen eine Schale Tee, indem wir aufhören, zu denken, zu sprechen und zu unternehmen, tragen wir dem Weltfrieden bei. Das Andere, so wie es ist, anzunehmen ist wohl der Anfang des Friedens.
Soshitsu Sen in Honolulu
Soshitsu Sen der 15. 鹏雲齋 in Honolulu im Juli 2001

„Geischa“ 藝妓 und Tee

Hast Du den Film „Geischa“ von Hollywood (Rob Marshall) gesehen? Weiß Du, was eine Geischa 藝妓 ist?

In der chinesischen und japanischen traditionellen Gesellschaft pflegte man eine spezielle Tradition von Unterhaltungskultur, die in Europa nicht gab und gibt. Geischa sind solche Entertainerinnen, die japanische aristokratische Gesellschaft unterhielten – mit ihrer künstlerischen Fähigkeit , nicht mit ihrem Körper.
Zweifellos waren alle Geischa schön. Aber nicht ihre Schönheit macht eine Frau zu einer erfolgreichen Geischa, sondern ihre Kunst im menschlichen Umgang, in Beherrschung verschiedener Kunstgattungen und in ihrer Selbstbeherrschung. Sie unterhielten einsame männliche Oberklasse und waren Projektionsfläche der männlichen Egos.
In damaliger Gesellschaft waren Ehen und Liebe häufig nicht miteinander zu vereinbaren. Dies war in Europa allerdings ähnlich. Die Ehe war ein Mittel zur Erweiterung familiärer Besitztümer und Regelung der Erbschaft. Erst mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft im 18. Jahrhundert war Liebe in der Ehe denkbar. (Lessing veranschaulichte diesen Prozess mit seinem Trauerspiel “ Miss Sarah Sampson“.) In altem Japan suchten einsame abenteuerliche männliche Seele Liebe in den Geischas und Geischas in ihnen. Eine Liebesbeziehung zwischen Geischa und ihrem Gönner ist eine offizielle Angelegenheit. Treu und Verantwortung waren das höchste Gebot. Ein Mann, der bereits eine eigene Familie gründete und gleichzeitig eine Geischa als halbe Frau erklärte, übernahm Verantwortung für beide Pateien. Eine Geischa, die bereits einen „Mann“ hatte, arbeitete trotzdem weiter als Entertainerin. Geischas waren wohl die einzige weibliche Gruppe, die frei waren, ihren Mann auszusuchen und ihren Beruf auszuüben.
Geischa von Rob Marshall
Filmwerbung von Geisha – eine schöne schwarzhaarige Geischa mit blauen (Schlitz-)Augen…

Geischas leben weiter in der neuen Zeit und neuen Welt. Sie fungieren als eine Projektionsfläche im Westen für erotische exotische Phantasie. Geht es wirklich um die Geischas in feudalistischer japanischer Gesellschaft? Oder geht es um die Geischas, die bereits als erotische Figuren in den Köpfen der westlichen Menschen leben?
Geischa und Tee haben hier etwas Gemeinsames: Sie besitzen zwar eine eigene Geschichte, aber werden von ihrem historischen Kontext herausgerissen. Anschließend werden sie mit verschiedenen Bedeutungen und Kategorien hinzugefügt. Tee wird zum Trendgetränk. Neue Zürche Zeitung bestätigt, dass Tee „das meist konsumierte Getränk der Welt“ sei. (14. Okt. 2005) Grüntee sei gesund, „wellness“ und geheimnisvoll etc. Mich verwirren oft Werbungen und Teebücher über Tee. Geht es um den Tee selbst oder um die hiesige Vorstellung von Tee?