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Rythmus des Tees

Rythmus des Tees

Mit leuchtenden großen Augen grüßte mich Simone, die ich in Muba kennen lernte, in ihrem Atelier. Ihr Atelier roch nach Erde, nach Glasur und nach ihr. Eine sanfte, klarer und behagliche Atmosphäre, wie ihre Person. Sie war sehr neugierig auf mich, wie ich überhaupt nach MuBa ging und hier landete. Nach MuBa war nicht gewollt, reiner Zufall, wahrscheinlich nur um sie zu begegnen. Hier zu landen ist eine gewöhnliche Geschichte einer taiwanesischen Studentin, die nach ihrem Studium hier hängen geblieben ist. Sie fragte mich, weshalb ich so ein gutes Deutsch spreche. Ich antwortete, weil ich mir Mühe gebe, weil ich in der ersten Stadt, wo ich Deutsch lernte, viele schlechte Erfahrungen als ein sichtbarer Fremde erlebte – es war in Köln. Ich war 20. Da beschloss ich, die Sprache so gut wie möglich zu beherrschen, dass ich mich selbst verteildigen kann! Leider verwende ich oft noch Ausdrücke falsch und verursacht es immer wieder ungewollte Missverständnisse! Ich erzählte ihr lachend rückblickend in den ersten Jahren und von meinem Kulturschock zuerst mit dem Deutschen und jetzt den Schweizer. Zusammen lästerten wir über die Welschschweizer.Sie fragte mich, ob ich mit meinem Temperament Mühe hätte, mit den Menschen in diesem Breitengrad. Sie selbst habe eine starke Emotionalität, die oft den Schweizer überfahren würde. Ich konnte nichts anders machen als nur richtig lachen. „Ich muss schrecklich sein für die meisten Menschen hier. Ehrlich gesagt, ich weiss nicht, wie sie meine Frechheit und Indiskretion ertragen!“ Ich kann leider nicht anders sein als ich selber - so indiskret und emotional. Darum haben wir beide zueinander gefunden. Die wenigsten Menschen kommen mit ihrer Emotionalität klar. Entweder verbergen wir unser Verlangen oder Emotion und es wird zu einem Eisberg. Oder wir funktionieren unsere Mitmenschen zu unserem Mülleimer um und wir werden selbst zu dem Spielball der eigenen Emotion. Als mein eigenes Spielball möchte ich nicht sein und dieses Bewußtsein dafür hat es mit dem Tee-Praxis angefangen. Man lernt im Praxis des Tees sich allmählich zu beobachten und wird über eigene Gefühle und Themen immer bewußter. Und irgendwann hört man auf, etwas sein zu wollen.

Sie erzählte mir von ihrem Werdegang, während ich Tee zubereitete. Der Preis, den man für den eigenen Weg bezahlt, bezahlt man oft mit der Rechnung vom materiellen Leben. Ein einfaches und bescheidenes Leben führt sie, aber mit einem Privileg, ihre Berufung auszuleben. Sie fühlt sich zu diesem Weg als Keramiker berufen und manifestiert ihre Glaube durch ihr Werk. Ehrgeiz ist ein falsches Wort um ihren Einsatz zu bezeichnen, sondern es ist ein Bewußtsein einer Berufung. Ihr überkam trotzdem manchmal der Zweifel, ob sie ihre Arbeit überhaupt weiter fortsetzen kann und ob es überhaupt realistisch ist, weiter zu kämpfen. Vor allem wenn sie das nötige Geld für ein verrücktes Projekt bräuchte, wie z. B. 800 Sfr. für eine wichtige Investition. Sie seufzte. Ich schaute ihr in die Augen, „Das Geld haben wir sehr schnell zusammen. Ein gutes Projekt scheitert nie ans Geld!“ Das Geld ist eigentlich dafür da, dass menschliche Zusammenleben einfacher wird. Das war das Prinzip meiner Familie. Mit ihrem Talent und ihre unbeirrte Glaube an ihre Berufung wird sie immer Hilfe erhalten und Kenner begegnen. Die Auszeichnung 2006 Eidgenössische Design Preis brachte sie den Einzug in die Fachmagazin und Presse. Jetzt kommt sie sogar nach Hamburg und Berlin.

Sie bewunderte meine Celadon-Teekanne, die mich am meisten begleitete. Eine Teekanne aus der Industrie-Produktion, hat in meinem Auge eine schöne Form und erfüllt einen guten Zweck. Eine verrückte Teekanne hatte ich auch dabei. Sie kostete ursprunglich 600 Sfr. Der Künstler Chen Wenqi gab mir für die Hälfte, weil er erkannt, dass ich Tee schätze und liebe. Diese Teekanne macht einen wunderschönen Regenbogen und eine harmonische Linie durch den Körper und Wasserstrahl. Sie zeichnete sofort. Ein Swiss-Made Gongfu Set wird nun geboren. Es muss eine eigene Form sein, die hiesige Bedürfnisse entspricht und zugleich den Geist des Tees unverfälscht vermittelt. Die Tassen müssen angenehm an den Mund schmeicheln, den Finger Platz geben, um in einen Zug auf dem Tisch hingestellt werden zu können. Die Kanne sollte einen ästhetischen Regenbogen-Wasserstrahl auschenken können. Das Set sollte in einer harmonisch linie schwingen und zugleich praktisch sein. „Wie sollte das Set heissen?“ „Rythmus des Tees?“

Plötzlich wurde es 19 Uhr. Wie schrecklich! „Ich muss noch nach Wintertur fahren!“ „Und ich nach Fribourg!“ Entsetzt packten wir schnell das Geschirr zusammen. Ich übergab ihr meine Celadon-Teekanne, die mich in letzter Zeit immer begleitete und sie bei dem Entwurf begleiten wird. Paar ausgesuchte Geschirr nahm ich mit – mein komisches Haushalt hat nun wieder solche einzelne ausgesuchte Tellern und Tassen, die nie zueinander passen – sie sollen es auch nicht tun. Ich möchte paar Gerichte auf ihren Tellern servieren, wenn sie nach Zürich kommt. Sie lächelte und nickte. Vielleicht im späten Frühling?

Vor der Abreise

Im Telefon klang es ziemlich gut, wie die politische Lage in Taiwan im Moment aussieht. Teelehrer Chen war in bester Stimmung und sagte mir, dass sie sich auf meinen Rückkehr freuen und die Situation für unsere Lage sehr günstig sei. Mein Vater ist im Moment wieder auf Reise und wird wohl am gleichen Tag wie ich in Taiwan eintreffen. Er schien vergeblich auf meinen Anruf vor seiner Abreise gewartet zu haben. Ich sagte meiner Schwester, dass ich viel zu viel zu tun habe.

Sie freuen sich auf meinen Rückkehr, aber freuen sich wohl noch mehr, wenn ich wieder abreise. Meine arme Familie muss immer ertragen, wenn ich daheim bin, wenn Verwante oder ihre Freunde nach meinem Wohl fragen. Sie lehnen für mich Einladungen ab und geben für mich Erklärungen ab, warum ich immer noch im Ausland aufhalte. Nach dem Hinschmeiss meiner Uni-Karriere habe ich keinen Grund mehr in Europa zu bleiben. Und die Geschichte mit dem Tee? Damit muss man doch nicht studiert haben! Das Milieu meiner Familie versteht das nicht, wie ein studierter und scheinbar intelligenter Mensch sich mit Tee beschäftigen und zum Beruf machen möchte. Ich verstehe ihr Bedenken gut.

Eigentlich habe ich es nicht gewählt. Das ist einfach so entstanden. Warum sollte ich gegen das Geschehende kämpfen. Vor paar Jahren beschloss ich ein einfaches Leben zu führen und gestalte meine zwischenmenschliche Beziehung ebenfalls überschaubar und geradelinig. Ich suche keine Anerkennung und mache einfach im Schweigen meine Arbeit – für mich. Das Geschäft mit dem Tee scheint ganz gut zu passen. Manchmal gibt es Auseinandersetzungen, dass man Vorstellungen klar formulieren muss und Grenze aufweisen muss. Aber diese unangenehme streitige Dingen schaffen Klarheit, die das Leben wieder angenehm macht. Für eine konfuzianisch erzogene Frau ist es nicht einfach auf ein Ersuchen, mit Nein zu reagieren. In einer von germanischen Gesprächskultur dominierten Gesellschaft muss es andererseits stets gelernt werden, Menschen auf die Grenze deutlich hinzuweisen. Es muss hier alles angesprochen, besprochen, ausgesprochen und abgesprochen haben. Deutsche und Schweizer halten zu fest an Wörter, anstatt an das Unausgesprochene und Unsichtbare. Diese Diskrepanz war einst problematisch für mich, inzwischen betrachte ich, als Pech für Menschen, die die andere unsichtbare Welt nicht sehen wollen. Ich glaube nicht an aus- und versprochene Wörter und lerne das Nein zu formulieren auf meine Art. Deutsch werde ich nie, chinesisch werde ich immer weniger. Es ist gut so.

Mein Teevater war sehr enttäuscht, dass ich ihm vor dem Heimkehr nur drei Doese Tee mitbrachte. „Was mache ich dann, wenn etwas passiert?“ „Warum sollte etwas passieren? Wenn, dann kaufst Du halt wo anders.“ Es gibt eine Menge gute Teeläden wie Länggass Tee, Reichmuth von Reding etc. Sogar im Internet bei Tea Home kann man Tee direkt aus Taiwan bestellen. Es ist alles möglich heute. Es war seine Art, mir mitzuteilen, wie sehr er mich vermissen würde. Inzwischen gibt es in diesem fremden Land eine Menge Menschen, zu den ich eine Beziehung pflege, die auf Verständnis, Affinität und Liebe zu ähnlichen Dinge aufgebaut ist, anstatt auf „Blut“ und auf eine imaginäre Vergemeinschaftlichung. Sie sind mir nicht mehr gleichgültig. Dieses Aspekt wird klarer, wenn die Welten sich wechseln und die Frage nach „wo hin gehst Du?“ gestellt wird.

Ich gehe nach Taiwan – nun eher als ein teilnehmender Beobachter. Zuerst leide ich unter Schlaflosigkeit – wie „Lost in Translation“ und dann mache ich meinen gewöhnlichen Gang durch die Gasse. Zu den gleichen Essstände, zu den gleichen Restaurants und zu den gleichen Kaffeeshops. Wenn der Geschmack in diesen Orten sich in meiner Abwesenheit nicht verändert, empfinde ich ein Glücksgefühl – meine Welt ist noch in Ordnung. Aber die Welt dadraußend hat seinen eigenen Lauf.