Archiv für den Tag 20/06/2013

Das Gesicht einer Nacht 夕顏

Das Gesicht einer Nacht 夕顏

松樹千年終是朽,槿花一日自為榮。
Auch wenn Kieferbäume Tausendjahre alt werden, werden sie irgendwann zerfallen.
Auch wenn Hibiscus nur ein Tag lang blüht, strahlt sie in voller Schönheit.
Bai Ju Yi (772–846), Tang-Dynastie China

Wenn ich in mir Unruhe spüre, mache ich unbewusst mir eine Schale Tee. Je nach meiner eigenen Auffassung wähle ich einen – selten einen grünen.
Grüner Tee geniesst im Europa wegen der angesagten Wirkung gegen Krebs einen Kultplatz. Die meisten Menschen hier haben selten einen Zugang zu ihrem eigenen Körper und glauben gerne an PR-Texte. Sie kaufen das, was empfohlen wurde und wo gepriesen wird mit einem Daumen nach oben oder nach unten. In jedem Frühling zerbreche ich meinen Kopf, um das Verhältnis von Preis und Qualität vom grünen Tee stabil zu halten. Zu viel eingekaufter güner Tee bedeutet für Shui Tang ein Verlust, weil die Schönheit des grünen Tees in meinen Augen eben nur von kurzer Dauer ist. In Japan gibt man sogar den Genusszeitraum von drei Monaten. Aber wenn ich alte Texte von 千利休, Sen no Rikyū lese, dann werde ich richtig verwirrt, dass er den alten Tee bevorzugt und den neuen Shincha als zu unreif bezeichnete.
Ich bin noch tiefer in Pu Er Tee verliebt, seit ich aus Yunnan von den alten Bäumen zurück komme. Der einfache Geschmack gleicht die Schönheit aus der einfachen Erde. Etwas, was reifen muss, um Facetten und Tiefe zu gewinnen – das spricht mir wohl wegen meinem Alter immer mehr an. Das grasige Grün verliert immer mehr mein Gunst.
Seit paar Wochen reisen immer mehr frische grüne Tees in Shui Tang an. Wir sind ganz fleissig beim packen. Die frische grasige Note und federleichte Blätter strahlen eine unglaubliche Leichtigkeit aus. In dieser Hitze Zürichs greife ich ihn sogar freiwillig zu. Während Natascha nach dem Feierabend noch für mich den Computer reparierte, machte ich mir eine Schale Matcha… Plötzlich sass ich im Garten von Sanzenin in Ohara. Der alte Kiefer und Moos scheinen greifbar zu sein. Der alte Kiefer kann lang leben, während mein Leben ein Provisorium ist…
Sara fragte mich auf der Reise, weshalb ich viele Leute aus Europa nach Yunnan mitnehmen wollte. Ich antwortete, weil mein Leben ein Provisorium ist, während der Tee weiter geht. Irgendwann bin ich weg und Tee muss im Europa tiefe Wurzel einschlagen.
Mein Leben ist so kurz wie der grüne Tee. Kurz von Lebensdauer. Wie der Hibiscus in Bai Juyis Gedicht.
Nicht nur Hibiscus ist ein Ein-Tagsblume. Prunkwinde auch. Es gibt zwei verschiedene Sorte: eine Sorte blüht nur am Tag – auf Chinesisch heisst er Morgengesicht, Zhao Yan, eine andere Sorte blüht nur in der Nacht – auf Chinesisch heisst er Gesicht einer Nacht, Xi Yan. Xi-Yan ist gerne erwähnt und oft mit einer Seufz in der chinesischen Literatur – weil er in einer Nacht blüht. Etwas, was nie zu Tage treten soll. Wir haben meistens Angst davor, wo das Licht nicht ankommt… Eigentlich liegt dieser Ort wo Licht keine Chance hat in unserem eigenen Herzen. Deshalb fühle ich mich immer angezogen von den Xi-Yan. Diese Blume erzählt mir das, was ich nicht zu Tage treten lassen will und das Leben nur von kurzer Dauer ist.
Beim Besuch von Hannes Garten entdeckte ich diese blaue Blumen in der abendlichen Stimmung – fast genau wie unser alten Garten in meiner Kindheit, als ich noch mit meiner Schwester durch unsere verschiedene Höfe Versteckspiele machten und vor Erwachsenwerden flohen. Unser Garten ist hin nach Hundertjahren. Ich bin nun hier in Zürich. Manchmal gehe ich zu Vrenis Garten an der Spiegelgasse – die Mauer ist rauh und alt, während die Blumen in voller Schönheit bloss paar Tage blühen.

Shui Tang in Monocole

Shui Tang in Monocole

Für die paar Zeilen und paar Fotos war es eine Haufen Arbeit. Paar Stunde verbracht ein Profi-Fotograf, der bereits viele VIP der Welt verewigt in Shui Tang. Ich konnte am Ende nicht mehr lächeln…
All die Arbeit für die paar Zeilen zeigt mir wie dieses berühmte Magazin arbeitet. Es geht um die Bestrebung der Perfektion, nicht um den Aufwand. Trotz dem Aufwand wurde mein Name falsch geschrieben…
Ich möchte mich hier besonders an Roger Fischer und Ursula Kaspar bedanken. Die wunderschöne Webseite und grafische Erscheinung war aus Rogers Hand und Chragis Können. Ursula ist die wirkliche Zauberin von Shui Tang. Ich bin unschuldig in dieser ganzen Geschichte – bloss zufällig dort, wo so ein wunderschöner Ort geschaffen ist!
Vor etwa fünf Jahren zeigte Roger mir das Magazin Monocole bei einem Abendessen. Er ist Fan von Monocole und das Magazin war mir nie ein Begriff. Er sagte, „Wenn Du einmal ins Monocole schaffst, dann gehörst Du zu dem „Top der Welt“.“ Ich bin ehrlich gesagt, nie ambitioniert, etwas zu werden und mache nur meine Arbeit, weil ich es will.
Es ist so entstanden – ich habe es nicht gewollt.
Shui Tang ist bald vier Jahre alt. Ich möchte mich bei allen Teefreunde bedanken, vor allem Shui Tang regelmässig kommen, tragen und helfen! Ohne Euch wäre das Teehaus nicht hier.