Uebung der Wiederholung

Ein Abendtraum – es muss wohl alles
eine Illusion gewesen sein;
Nicht einmal einen Teil dessen, was ich sah,
kann ich erklären.
Und doch schien mir im Traum, als ob die Wahrheit direkt vor meinen Augen läge.
Heute morgen, wach – ist das nicht derselbe Traum?
Ryokan 1758 -1831 Zen-Wandermönch

Als ich zum allen ersten Mal zu der Yoga Stunde ging, fragte die Lehrerin nach der Stunde, wie lange ich es bereits praktiziere. Ich sagte, noch nie. Sie war verwundert. Das gleiche Gesicht zeigte auch einmal meine Bauchtanzlehrerin. Ich kannte keine Erklärung.
Sport hat mich noch nie interessiert. Mein Körper ist starr und mein Geist ist faul, aber das Denken ist immer on. Jede Stunde in Yoga kämpfe ich gegen mich selbst genau wie ich in jeder Stunde des Teeunterrichts gegen mich selbst kämpfte. Ich vergass immer die Abläufe, merkte nicht die Feinheiten der einzelnen Bewegung und spotte den Fleiss, was man unbedingt einbringen muss auf den Weg.
Es sind immer Wiederholungen. Ich wiederhole immer die gleichen Abläufe der Bewegung, immer die gleiche Art der Handlungen und immer denselben Muster des Kampfs. Diese Wiederholung sollte mich auf einen Punkt bringen, dass ich es einmal anders machen kann… Vielleicht anders als besser, weil ich nicht mehr gegen mich selbst kämpfen muss? Nur anders und nicht besser.
Mein Leben ist wie ein Ameisen. Ein Ameisen sucht immer nach dem Süssen des Lebens. Das ist nicht das Problem eines Ameisens. Das Problem ist, dass ein Ameisen immer eine Strasse baut, die genau eine Linie ist zwischen Nahrung und seinem Nest. Immer demselben, immer dieselbe und immer dasselbe.
Sehr langsam wurde es nicht mehr so mühsam für mich die gleichen Abläufe zu tätigen. Mein Geist schimpft nicht mehr so über die toten Teemeister, was sie alles erfunden haben. Sehr allmählich sitzen die Bewegung in meinem Körper und ich kämpfe nicht mehr so gegen meinen Fehler und der Wünsch, zu denken verschwam. Der Körper wiederholt die Bewegung und mein Geist ist im Off-Modus. Plötzlich merke ich wie der Ryhtmus meines Körpers mich selbst ausdrückt. Mein Herz gibt dem Rythmus an, genau wie es schon immer schlägt. Dieser Rythmus stosst auf den Rythmus des anderen und von dort aus entsteht ein gemeinsamer Rythmus. Unser gemeinsamer Rythmus antwortet wohl auf den, der von weiten her kommt – vom Meer.
Das Herz gibt vor.
Irgendwann realierte ich in Yoga, wie mein Körper anders dreht. Plötzlich bewegen sich meine Aermer anders. Mein Körper kommuniziert mit mir, ich denke nicht, was ich jetzt schaffe, sondern realisiere einfach, dass es sich anders bewegt. Anders in dieser Wiederholung.
In der Wiederholung sturzen wir gleich in einem wiederholten Muster. Auch in dieser Wiederholung bekommen wir eine Chance, es anders zu machen.
Heisst diese Wiederholung nicht etwa wie Karma?
Heisst diese Chance es anders zu macen, nicht etwas wie Hoffnung?
Alle Wege führen nach Rom. Teeweg ist nicht anders als der Weg des Tänzers oder Yogis.
Ich beoachtete die Ameisenstrasse im Garten hinter Shuitang, genau wie ich ein Kind war. In dem grossen dunklen Haus, wo ich aufgewachsen bin, sah ich die gleichen Strassen von Ameisen. Die Ameisen täten immer das Gleiche, und ich?
Ich sass am Sonntag bei Ulrich im Teeraum und machte die Uebung Shiki (Tee im Schnee) zum ersten Mal. Ich werde noch paar Male wiederholen, bis mein Körper es gelernt hat, es anders zu machen – jedes Mal anders.
In jeder Wiederholung begegne ich den alten toten Meister, der die gleichen Wiederholung taten wie ich es tue. Das ist das Karma. Der Raum hat uns getrennt, aber die Zeit nicht. In dieser Wiederholung teilen wir die gleichen Möglichkeit, unseren Tee mit unseren Herzen selbst zu füllen.
Ganz sicher ist es auch, dass es paar Male gleiche Geschichten sich wiederholen bis ich diese Wiederholung in der Wiederholung als Karma verstehe und mich endlich entscheide, es anders zu machen. Ich weiss, dass es anders sein kann.

http://teeseminar.blogspot.com/2012/04/ubung.html#more

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