Chofu – Ting Feng 聽風, Die Brise zuhören

Eigentlich wollte ich wieder Mal allein zu Ulrich gehen, wieder einmal Chabako machen, wieder einmal schauen, ob mein Fuss wieder alles im Teeraum mitmacht. Als Tim es erfuhr, wollte er unbedingt mit. Als Michael es erfuhr, wollte er unbedingt mit. Am Ende wurde es eine kleine Truppe.
Seit einigen Zeit beschäftigt mich das Gedanke von Weitergabe – ein Spiegel meiner eigenen Tätigkeit in Shui Tang. Es wird immer mehr angefragt, ob es mehr Unterrichten gibt, ob es möglich wäre, dies oder jenes zu lernen. Ich sehe mich ungerne als eine Autorität und würde freiwillig darauf verzichten. Aber wie lange noch und wie sehe ich meine eigene Rolle in diesem Kontext?
Der Film THE GRANDMASTEr von Wong Karwei bracht mir viele Funken für die Zukunft. Ich kann es zwar riechen, aber noch keine Vision. Das, was ich in Yunnan auf den Bergen erlebte, war der pure Ausdruck von einem Machtsystem eines Patriarchats, das von dem Zement von Wissen, Macht und Geld lebt und es zu Höhepunkt bringt. Was bedeutet teilen, was bedeutet Weitergabe und was ist Wissenübermittlung?
Wind, wird gerne als eine Form von Unfassbarkeit und als Ausdruck der Freiheit in der chinesischen Kultur verstanden. Wenn sich viele Menschen versammeln, wenn eine heisse Diskussion stattfindet, freut man sich auf eine Brise, frische Brise. Frische Brise wird erst wahrgenommen, wenn die Anwesende zuhören und miteinander harmonisieren können. Eine frische Brise strömt durch den Raum und in dem Zuhören der Brise wird der Geist erfrischt und besänftigt.
Nach dem schmerzhaften Knien auf Tatami unterhalte ich mich gerne mit Ulrich. Wir unterhielten uns über das Grossmeister-System von unserer Teeschule. Eine Patriarchat verlangt eine absolute Loyalität. Was ist eigentlich „loyal“? Was bedeutet Loyalität in einem feudalen System und in der heutigen Zeit?
Ich seufzte. Seit ich ein Kind bin, liebe ich Tragödie, vor allem Geschichte über Helden, die glauben ihr Schicksal nicht verändern zu können. Diese Helden sind vielleicht auch ein Kontrukt von meinem inneren Mann, der verzweifelt gegen das Schicksal kämpft und nicht wusste, dass es ausser dem Kampf noch andere Entwicklung im Leben hat. Eine meine Lieblingsfigur ist ein Prinz, der vor 1400 Jahren in der kriegerischen Zeit Chinas lebte, der zwar den Frieden durch Siege schaffen wollte und aber ermordet wurde – von dem Neid des Bruders – der König. Er war so schön – es war so wie so eine spannende Zeit, es gab so viele überlieferte schöne Männer, dass er im Schlachtfeld immer eine Maske trug. Mit diese erschreckende Maske konnte er sein schöne Gesicht verstecken und Kriege erfolgreich führen. Aus ihm ist ein Tanz-Theater Lan Ling Wan Ru Zhen Qu 蘭陵王入陣曲entstanden. Um seine Soldaten zu ermutigen, um die Erinnerung an Sieg wach zu rufen entwarf er, ein schöner Prinz, erfolgreicher Krieger und natürlich auch ein gut ausgebildeter chinesischen Aristokrat, der Tanz, Musik und Literatur beherrschte, das Werk. Dieses Stück verliefert jedoch in China seine „Ernsthaftigkeit“ und wurde dann von Kaiserhof verschmäht. Am Ende wissen die Chinese selbst nicht mehr, wie das Stück vorgeführt werden kann. Die Japaner lernten das Stück in jener Zeit kennen, brachten es nach Japan, während es in China immer unbedeutend wurde. Bis heute wird das Stück in Japan im Tempelfest, in nationalen Theater durchgeführt. Sogar wurden sie nach China eingeladen und vor dem Grab dieses Prinzen noch einmal im 21. Jahrhundert gespielt.
Was dachte wohl der Prinz im Grab, als er diese Vorführung sah?
Ich sagte zu Ulrich, das wertvolle in China verlorene Stück kann nur in Japan konserviert werden, weil es so ein Patriarchat-System gibt und eine absolute Individualisierung verweigert. Ansonsten würden wir heute etwas sehen, was nie einmal war. In Westen könnte so etwas nie aufbewahrt werden – auch nicht einmal in China selbst. Ulrich sagte nicht viel dazu, nur: „Es funktioniert nicht mehr. Die Rolle des Lehrers muss modern interpretiert werden. Ich bin ein Begleiter, nicht mehr.“
Ich spürte eine Brise.
Eine Brise, als ob jemand etwas zu mir zuflüstern würde, als ob ein Fenster öffnet wurde. Eine Brise zündet noch mehr das Fackel. Solange ein Fackel brennt – wie meine Grossmutter sagt – kann jeder den Weg nach Hause finden.
Hier poste ich gerne eine neue Interpretation von dieser Tragödie des Lan Ling Wang. Das Tanztheater wurde heute China Rock:
http://www.youtube.com/watch?v=47gpB0wciBU
… und mit meinem Lieblingsschauspieler Feng Shaofeng und von meinem Lieblingsband May Day gesungen.

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