Sünden, Scheitern und Lao Banzhang 老班章

Sebastian sagte mir bei seinem letzten Besuch, was das Wort Sünde tatsächlich in Hebräisch bedeutet. Er malt mir ein Bild von einem Schützer aus, der seinen Bogen weit spannt und das Pfeil ansetzt. Aber er verfehlt sein Ziel.
Das sei eine Sünde, wenn das Ziel verfehlt ist.
Als ein junger Mensch aus der einst kolonialisierten Welt pflegte ich eine ambivalente Beziehung zum Christentum vor allem mit der Vorstellung von Verführung und Sünden. Wer definiert was eine Trennung zwischen mir und dem Gott sein sollte? Und wer hat das Recht wem zu verurteilen? Diese Fragen begleiten mich Jahre lang auf den Weg. Eine Antwort war nicht mehr nötig, als ich bei mir angekommen fühlte.
In diesem Sommer hörte ich zum ersten Mal Die Rosenkranz-Sonaten von Biber. In der ehemaligen Bosswiler Kirche war mein Herz gefüllt voller Mitgefühl. Die Schmerzen und Leid des Jesus waren getragen von der bedingungslosen Liebe, die Menschen zu Menschen überreichen. Was war verfehlt und wer war gescheitert? Nichts.
In Ezechiel sehe ich oft das einstige Ich. Ein Jünger auf dem Weg der Suche. Wir haben oft schöne Gespräche über die Welt und den Tee. Er hat einen Hang zur Schönheit, versucht aber diese unklärbare Zuneigung mit der rationalen Begründung von Zweck. Er bringt oft ein Argument und dann wieder eine Gegenargument, während er erwartet, dass alles von mir widerlegt werden. Letztes Mal fragte er mich, was ist, wenn man jemandem das ganze Herz gibt und es schmerzt? „Wenn man liebt, dann liebt man mit dem ganzen Herzen. Wenn es nicht erwidert wird, dann tut es einfach weh. Aber nicht mehr. Keine Konnotation.“ Ich dachte an jenem Moment an meinem Zen-Lehrer Michel, als er vor Schmerzen der Krankheit geplagt war und weinte. Er sagte mir, „ich habe Schmerzen, bin aber nicht elend.“
Als ich am Sonntagabend in die Winterlandschaft zurück kam, machte ich mir ernsthaft Sorgen um meinen kranken Fuss. Wie sollte dieser wackelige Fuss sichere Schritte auf dem eisigen Boden machen? Angst vor Verfehlen des Ziels kam hoch und nahm fast Ueberhand. Vorstellung von Verfehlen des Ziels und Scheitern bewegten mich bald in einen Gedankenkarussel. Um es zu aufzulösen machte ich mir einen Lao Ban Zhang. In seinem streng und konzentrierten Aufguss spürte ich so bald die Kraft eines sehr alten Baums. Tief verwurzelt und unbeweglich in seiner Aufrichtigkeit. Ich schmecke den Ruf aus dem tiefen Meer, Seetang, Muscheln und etwas ganz uraltes aus dem tiefen Grund. Das intensive und herben Charakter wirkt wie ein Pfeil, der in einem Bogen gespannt wurde. Es ist bereit loszulassen, egal ob das Ziel verfehlt wird oder nicht. Es gibt bestimmt eine zweite Chance.
Ezechiel erwarb eine Yixing-Kanne, eine wunderschöne, von der ich mit schweren Herzen trennte. Seine Entscheidung sah nicht ganz handfest auf, wackelig. Ich beobachtete und übte Geduld. Dealen ist eine einfache Sache, aber vielleicht ist meine Art von Dealen zu männlich. Ich mache immer blitzschnelle Entscheidung, während Ezechiel stets an seine Wahl zweifelt. Er ging bereits vor der Tür und drehte wieder einmal um, „ABER, WENN…“ Ich schrie – wirklich – schrie zu ihm, „Jetzt gehe!“ Hei, Junge, Du verfehlst Dein Ziel in Deinem Intellekt…
Irgendwann wollte ich Sebastian in seiner Welt hinter der Mauer besuchen, dann werde ich ihm diesen Lao Ban Zhang mitbringen. Sünde oder Scheitern gehören zum Leben. In diesem Lao Ban Zhang weiss ich, dass es immer eine zweite Chance gibt.

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