Der stimmenlose Wasserfall 音無の滝

Manchmal dachte ich als Studentin in Taipei, dass der Frühling endlich angekommen ist. Plötzlich kam aber der Nordwind und verregnete alles. Alles – auch mich. Die Orchideen meiner Grossmutter standen durcheinander in unserem zweiten Hof. Die Blätter von unserem Hibiskus fallen lautlos auf dem Schlamm, während die Regentropfen aus den Dächer lautstark tanzten.
Ich liebe Regen. In meinem Name beinhaltet auch das Wort „gutes Regen“. Gerne lass ich Fenster offen, wenn es regnet.
Heute Nacht war das Fenster weit offen. Ein Sturm eigentlich und wurde begleitet von schönen Regenmusik. Ich berauschte und schlief ein, ohne zu wissen wie spät. Der Regen in Zürich kann nicht mit dem in Taipei verglichen werden. Der Winterregen in Taipei ist wie ein Jammern oder ein leises Grübeln. Zäh, langwierig und melancholisch. Wenn man mich fragt, ob ich dazu einen Tee trinken würde – hätte ich als eine Studentin geantwortet: „Tee? Nö, ich trinke lieber Kaffee!“ Wenn ich nicht im Cafe war, war ich wohl auf den Weg zwischen zwei Cafes.
Wenn ich in Kyoto bin, bin ich gerne in Ohara. Dann besuchte ich das Tempel 三千院Sanzen-In. Hinter dem Tempel gibt es einen stillen und zugleich lautstarken Ort wegen einem wasserreichen Wasserfall. Als ich zum ersten Mal dort war, erschien mir der Name „Stimmenlose Wasserfall“ wie ein Kuan. Damals war ich zu jung und besuchte diesen Ort wie ein Konsumment. Nun bin ich erwachsen und habe im Leben genug gelitten und bin weiter gegangen. Langsam begreife ich, das Gefühl bei einer Tasse Tee neben einem von Naturgewalt gesteuerten Wasserfall zu sitzen.
1095 kehrte ein Mönch aus China nach Kyoto zurück und gründet in Ohara einen Übungsort für die spirituelle Entwicklung. Er suchte den Platz nebem dem Wasserfall aus und rezitierte dort die Lotus-Sutra. Jeden Tag rezitierte er die Lotus-Sutra, begleitet oder bekämpft von den Lauten der Natur. Wahrscheinlich war es zuerst ein Duell zwischen der menschlichen Konzenstration und der Naturgewalt. Irgendwann findet eine Angleichung oder In-Einander-Fliessen zwischen Menschen und Natur statt. Es wurde erzählt, dass die Stimme des Sutras die Laute von „Aussen“ klären und intergrieren konnten. Es wurde erzählte, dass es in der verwirrten Zeit der Kriege diese Übung ausgedehnt wurde. Die Mönche gingen ins Sansara hinein und ihre Rezitation war die Stütze für die gewöhnten Menschen in dem Geschrei von Gier, Hass und Elend.
In dem immer wiederholten Gefühlsgewitter der Menschheit von Tränen, Freude und Verletzungen war der Ort des stimmenlose Wasser ein Ort jenseits der beständigen Wandel. Heute Mittag, als das Gewitter in der Nacht entgültig vorbei zog, schien in Zürich wieder Sonne. Ruhe herrschte wieder im Aussen. Aber in Geist von Menschen verlässt uns die hüpfenden Affen nicht.
Eigentlich verlässt der Wasserfall mich nie, nur ich sehe ihn manchmal nicht. Was trinke ich jetzt?
Ich vermisse den felsenhaften Da Hongpao.

3 Gedanken zu „Der stimmenlose Wasserfall 音無の滝

  1. Christoph

    Liebe Menglin,

    bestimmt habe ich deinen Beitrag nicht richtig verstanden. Trotzdem hat er mich gerade zu diesem Gedicht inspiriert.

    Stimmloser Wasserfall

    Stimmloser Wasserfall,
    In den Menschen überall,
    Fließt und reißt mich ständig fort.
    Bringst mich zu neuem fremden Ort.
    Bist Heimat und Naturgewalt,
    Erfüllst die Erde und das All.
    Schrei dagegen an, geh unter!
    Stürz dich hinein, stürz dich hinunter,
    Und klar durchdringt die Zeit, den Raum,
    Stimmenloses Wasserraun.

    19.01.2012

    *

    Liebe Grüße
    Christoph

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