Der Duft des Paochungs 包種的茶香

Was ist Deine Muttersprache? Deutsch oder Schwizerdusch?

Was ist meine Muttersprache? In Taiwan meinen wir nicht Muttersprache, sondern die Sprache von meiner Großmutter – A Ma e wei 阿媽的話.

Paochung ist ein Tee, den selbst meine Großmutter ihn auch kannte. Aber sie kannte ihn noch als ein duftender klarer Tee, der nach leicht öffnender Blüte – zart, subtil duftet.

Wie jedes Kind aus Taiwan meiner Generation wuchs ich bei meiner Großmutter. Sie sprach nur Taiwanesisch und schrieb nicht. Während meine Mutter tagsüber die Kinder des anderen erzog, waren wir daheim zwischen den Häusern. Meine Großmutter war streng und herzlich; launisch und lieb; gemein und großzügig. Ich wusste nicht, wie ich sie einordnen sollte und war überzeugt, dass sie es selbst nicht konnte. Sie hatte Zuckerproblem und konnte das Süße des Lebens nicht genießen. Wenn sie anderen Menschen zum Spielball ihrer Laune machte, wenn sie selbst zu ihrem eigenen emotionalen Spielball wurde, schwor ich als ein kleines Mädchen NIE so zu werden wie sie. Aber ich habe sie in mir. Ich weiß.

Großmutter hieß „A-pang 阿香“, auf Taiwanesisch „der klare Duft“. Sie wurde zwei Male als Kind an andere Familie übergeben und wusste eigentlich nicht ganz genau, wer ihr tatsächlicher Vater war. Ihr Schicksal war genau wie viele andere Mädchen in ihrer Zeit – als ein kleines Mädchen an andere Familie weiter gegeben. Hat sie eine Heimat?

Mein Leben in Shui Tang ist schön und hart. Ich hatte vor allem sehr viel Zweifel – Zweifel an dem Teller, wo ich darin stecke, mein Zweifel an meine Handlungen, ob sie in dem mittleren Weg liegen, Voller Zweifel ging ich mit HP essen, sehr gut essen an einem sonnigen Abend. Mein Mentor merkte es und fragte mich nach meinem Heimat. „Hast Du eine Heimat?“ Er habe welche, sein Zuhause, seine Musik und seine Literatur. Dort schöpft er seine Kraft und erfrischt seinen Geist.

Habe ich eine Heimat? An jenem sonnigen Tag in Zürich, roch ich die frisch blühenden Wistaria, zarte Flieder und viele leicht öffnende Knospe. Der Frühling ist angekommen in meiner neuen Heimat, Zürich. Shui Tang ist mein Versuch, Wurzel in einem Boden einzuschlagen. Und vielleicht kommt paar kleine zu öffnenden Knospe bald hervor. Wo habe ich sonst meine Heimat? Ich weinte und die Tränen tropften in die gefallene lila Blüte der Wistaria. In Zazen bin ich zu Hause, im Tee bin ich angekommen. Wo habe ich sonst meine Heimat? In dem Zuhause meiner Großmutter.

Der Tee Paochung (Baozhong) verbindet mich stets mit meiner Großmutter Apang. Dieser traditionsreiche Tee riecht heute häufig nach Gemüse oder Grass. Er wird zum Grüntee konvertiert. Grün, grasig und utra leicht. Mit Hilfe von Klimaanlage versucht man heute den Welkensprozess zu übertreiben, um das „Grüne“ im Aufguss zu erzeugen. Weil das Welken sehr lang dauert, so dass die Blätter vertrocknet sind und nicht richtig erhitzt werden! Deswegen sind der Aufguss häufig trüb, grasig (was man im Europa mit „Frisch“ verwechselt) und fade. Und dieser Tee wird nun überall nachgeahmt – in Thailand, in Indonesien und in China. Hat Tee auch eine Heimat?

Als es dem Großvater gut ging, begleiteten meine Großmutter viele Dienstpersonal und das Haus war in dem berühmten japanischen Vierteil Zhongshan Beilu. Als es dem Großvater bergab ging, kehrten sie wieder zu dem alten Stammhaus zurück und dort starb sie. Wenn ich meine Schwester fragte, ob sie ähnliche Erinnerungen von diesem alten muffigen Haus wie meine hätte, schüttelte sie ihren Kopf. Waren wir tatsächlich aus dem gleichen Haus? Unsere Kindheit ist bereits vergangen, aber die Erfahrungen mit meiner Großmutter bleiben in meinem emotionalen Speicher. Das alte Haus ist eine imaginäre Heimat geworden. Je älter ich werde, je präsenter es wird. Langsam bin ich fähig, meine Kindheit zu verarbeiten, zu artikulieren und sie in einem Zusammenhang zu verstehen. Ich bin nicht anders als alle anderen Taiwaner auf dieser Insel. Unsere Geschichte ist miteinander verflochten.

Tee dient als ein Ferment in diesem ganzen Prozess. Als ich dem Paochung Premium vor paar Wochen endlich auspackte und selbst ihn aufgoss, stand meine Großmutter wieder vor mir. Diesmal in Shui Tang. Zart duftend wie Flieder, klar wie der Frühlingsbrise und so charmant wie die Wistaria am Hauswand von Shui Tang! Geschmeidig und sanft wie Seide!

Ich kenne meine Großmutter in mir, aber ich habe mich anders entschieden als sie. Ich bin freiwillig auf diesen Weg nach Europa gekommen und finde hier eine neue Heimat. Auch der Tee, hat nicht nur in China, in Japan oder in Indien seine Heimat gefunden, sondern auch im Hier und Jetzt.

Ein Gedanke zu „Der Duft des Paochungs 包種的茶香

  1. Mat

    Hallo, ich bin durch Zufall auf die Seite gestoßen. Dein sehr persönlicher Text hat mich an meinen Aufenthalt in Taiwan erinnert. Ich war gerührt. Habe dort oft mit alten Männern Tee getrunken! Danke.

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