山井1号 Goldener Drachen Meishan Oolong

Du sihst / wohin du sihst, nur eitelkeit auff erden.
Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein:
Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein,
Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden

(…)

Andreas Gryphius

Es regnet leise und kontinuiertlich. Ich kam gerade von Besuch meines Lehrers zurück. Er leidet unter der Nebenwirkung der Chemotherapie, depressiv und quavoll. Nachts muss er in seiner bescheidenen Wohnung hin und her laufen, weil eine Nervösität ihn nicht loslässt.

Früher war er stark, schön und klar. Jedesmal fühle ich mich klar nach einem Gespräch mit ihm. Mir hat er ein Fenster geöffnet – zum Kosmos und zum Leben. Diese Klarheit stärkt mir und ermutigt mich auf meinen eigenen Weg zu gehen. Nun ist er hinfällig und schwach. Ach, Vanitas!  Ja, ich bin durch seine Krankheit mit der Brutalität des Lebens konfrontiert: auch ein Meister kann schwach und hinfällig sein. Desillusioniert dachte ich, der wahre Buddhismus fängt erst an, wenn der Mensch mit seiner Vergänglichkeit konfrontiert ist. Das Schatten des Lebens und der Abgrund des Menschen prüfen uns, ob und wie viel wir tatsächlich loslassen könnten!

Bedrückt und geistig abwesend kam ich nach Hause. Allein sass ich hoffnungslos am Tisch. Die Dunkelheit umhüllte mich und auch ich kenne meinen Abgrund. Intuitiv greifte ich den Wasserkocher. Was mache ich nachdem, wenn das Wasser kocht? Intuitiv greifte ich den Goldenes Drachen – eine neue Errungenschaft meiner Heimreise. Eine Experiment eines Teebauers in Meishan, der Jinxuan und Qingxin Oolongbaum kreuzte.

Mein Teelehrer Chen sagte mir, dass dieser Tee zufällig an einem goldenen Tag gepflückt und hergestellt wurde. Es war sonnig und Teeblätter waren reif. Guijing – der Teebauer (Brunnengeist heisst er) hatte Zeit. Er folgte der Anweisung einer traditionellen Oolong-Herstellung. Dann ist der Goldenes Drachen entstanden. Natürlich ohne die erfolgreiche Röstung eines „Önologe“ Chen wäre dieser Tee nicht perfekt.

Ich nahm die Teekanne von Stefan, den ich seit fast zwei Jahren nicht mehr traf. Er ist wohl noch wütend auf meine unanständige Art des Abschieds. In der Kanne bedecke ich leicht mit Teeblätter und giesse mit fast kochenem Wasser auf. Nach 80 Sekunde giesse ich den Tee ab. Ach! Was für einen herrlichen sonnigen Tee? Mein Geist wurde wach und mein Gemüt wurde heller! Der Duft gemischt von Orchiden, süssen Zitrus und leichte Milch-Note. Aufguss geschmeidig, elegant und aromatisch. Das Beste, was ich für mich tun könnte!

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